In Liverpool ging seine Rede im Buhgeschrei der Gegner unter, in Manchester versuchte er mit hochrotem Gesicht und geschwollenen Stirnadern eine Stunde lang, sich Gehör zu verschaffen: Hugh Gaitskell, der letzte Woche wiedergewählte Führer der Labour-Fraktion im Unterhaus, muß weiterkämpfen.

"Ich will alles tun, um niemanden zu provozieren", so hatte er seine Rede in Manchester begonnen, aber allein, daß er als Parteiführer auftrat, war für den linken Flügel seiner Partei schon Provokation genug. Hoch geht die Woge der Leidenschaften in der Labour Party. "Zurück auf die Hinterbank!" schallte es dem Parteiführer in Manchester entgegen und einer seiner Anhänger schrie ins Mikrophon: "Diese Bande hier will die Labour Party zerstören."

Der Kampf um die Führung und um die künftige Marschroute der Partei ist mit der Wiederwahl Gaitskells noch nicht ausgestanden, im Gegenteil: er hat jetzt erst recht begonnen. Es ist im Grunde jener alte Streit, für den die sozialistischen Parteien immer schon anfällig waren: die Auseinandersetzung zwischen Dogmatikern und Empirikern, in die jetzt auch die Labour Party hineingeschliddert ist. Verschärft wird er durch drei aufeinanderfolgende Wahlniederlagen, durch einen Mitgliederschwund der Partei (1959: 105 000 Mitglieder) und durch eine pazifistische Strömung, die sich aus der Anti-Atomstimmung nährt.

Die Labour Party hat sich nicht, wie die Schwesterparteien in Skandinavien und in der Bundesrepublik, aus der ideologischen Verkrampfung zu lösen vermocht. Gaitskell hat es versteht, als er nach der letzten Wahlniederlage den Verstaatlichungsparagraphen aus dem Parteiprogramm entfernen wollte. Aber er konnte sich nicht durchsetzen, und so opferte er schließlich die Reform der Einheit der Partei. Aber dies Opfer zahlte sich nicht aus. Denn nun folgte der Angriff des linken Flügels gegen die bisherige Verteidigungspolitik der Partei.

Auf dem Parteitag in Scarborough redete Gaitskell den Delegierten ins Gewissen: "Die Politik des einseitigen Verzichts auf Atomwaffen ist selbstmörderisch und würde unser Land wehrlos machen." Vergebens. Die Verteidigungspolitik des Parteivorstandes wurde – wie schon auf dem Gewerkschaftskongreß – mit knapper Mehrheit niedergestimmt. Es wurde eine Resolution angenommen, in der ein "einseitiger Verzicht auf die Erprobung, Herstellung, Lagerung und Stationierung von Atomwaffen in Großbritannien" gefordert wurde.

Die Labour Party hatte nun einen Führer und einen Vorstand, die eine andere Politik vertraten, als jenes Parteigremium, das offiziell die Parteilinie festlegt. Wahrhaft eine paradoxe Situation. Sie läßt sich nur aus der eigentümlichen Organisation der Partei erklären.

Auf dem Parteitag geben die Gewerkschaftsführer mit den Millionen Stimmen ihrer Gewerkschaften den Ausschlag für das Programm der Partei (wobei die Stimmabgabe durchaus nicht dem Mehrheitswillen der Mitglieder zu entsprechen braucht). Der Parteiführer aber wird von der Unterhausfraktion gewählt. Sie hat es letzte Woche getan und sich mit 166 gegen 81 Stimmen für Gaitskell entschieden. Nur ein Drittel der Fraktion stimmte für den Gegenkandidaten Wilson. Und wenn man den demoskopischen Umfragen Glauben schenken darf, spiegelt diese Abstimmung auch ungefähr dem tasächlichen Kräfteverhältnis innerhalb der Partei wieder.