Die Börsianer sehen wieder weit voraus. Bereits zu Beginn dieser Woche galt in ihren Reihen eine Diskontsenkung als sicher. Diese Erwartung kam in erster Linie dem Rentenmarkt zugute, wo die neue 6 1/2 prozentige Emission der Industriekreditbank, die offiziell zu 99 vH ausgegeben wurde, schon vor dem Zeichnungstermin zu 100 vH gesucht war. Ein sichtbares Zeichen für die im vollen Gange befindliche Zinssenkung. Wenn der Aktienmarkt inzwischen ebenfalls wieder freundlichere Züge bekam, dann spielten die Zinssenkungstendenzen hier zwar auch eine Rolle; viel wichtiger erschien der Börse jedoch die Tatsache, daß die Konjunktur-Debatte offensichtlich ein vorläufiges Ende gefunden hat. Nach der Zeichnung der "Industrie-Milliarde", die in Wirklichkeit sogar 1,5 Mrd. DM umfaßt, erwartet man keine ins Gewicht fallenden Konjunktur-Dämpfungsmaßnahmen mehr, vor allem keine Steuervorauszahlungen. Man glaubt jetzt einen Überblick über die in Frage kommenden Belastungen zu haben.

Schon regt sich die "Börsenphantasie" um die Industrie-Milliarde. Sie wird – und mit dieser Annahme geht die Börse auch wohl nicht allzu fehl – bei den exportintensiven Industriezweigen zu einer Verstärkung des Auftragsbestandes führen. Mit den neuen Krediten, von denen angenommen wird, daß ein erheblicher Teil in Form von Aufträgen auf die deutsche Industrie zurückkommt, wird sich der jetzige Boom verlängern lassen. Deshalb die wachsende Nachfrage nach Aktien der Maschinenbau-Gesellschaften, nach Papieren der Elektro- und Chemie-Industrie. Auch Werft-Aktien werden in den Kreis der "begünstigten" Papiere einbezogen. Ob die Börsenrechnung aufgehen wird, steht auf einem anderen Blatt. Viel Gefahr scheint jedoch in diesen Spekulationen nicht vorhanden zu sein, denn bei den gesuchten Papieren handelt es sich durchweg um Aktien, denen ohnehin eine gute Zukunft vorausgesagt werden kann. Bei ihnen wird der Kursanstieg lediglich vorweggenommen.

Es wäre falsch, die stabile Börsentendenz allein auf spekulative Beweggründe zurückführen zu wollen. Trotz der Rückschläge in den Vorwochen ist ein großer Teil des Publikums nämlich "aktienfreundlich" geblieben. Das haben besonders jene Investment-Fonds festgestellt, die jetzt ihre Zertifikate "gesplittet" haben. Der niedrigere Verkaufspreis hat neue Käufer angelockt, wobei viele sich offensichtlich nicht über die Split-Mechanik im klaren waren und die niedrigen Verkaufpreise vermutlich mit dem Begriff "billig" gleichsetzten. Ein großer Teil der ausgeschütteten Beträge wurde übrigens zum Kauf weiterer Investment-Zertifikate verwandt. Dabei hat der Unifonds mit seiner dreiprozentigen Vergütung für Beträge, die re-investiert wurden, gute Erfahrungen gemacht, so daß anzunehmen ist, daß weitere Fonds diesem Beispiel folgen werden. Nicht gerade begeistert, aber notgedrungen. Nimmt das Investment-Geschäft weiter zu, so wird von dieser Seite her die Notwendigkeit, die Aktienbestände aufzufüllen wachsen. Geschieht dies in einer Zeit, in der die Tendenz ohnehin "freundlich" ist, so können diese Käufe sehr schnell zu einer Anhebung des gesamten Kursniveaus auf dem Aktienmarkt führen. Allerdings dürften die Fonds nur mit größter Vorsicht an den Markt gehen. Sie können noch nicht übersehen, wie sich die Zeichnung von VW-Aktien (der Ausgabekurs wurde jetzt endgültig auf 350 vH festgesetzt) auf ihr Geschäft auswirken wird.

Die Montan-Aktien haben auch in der abgelaufenen Woche ihre Schwerfälligkeit noch nicht aufgegeben. Immerhin war auch bei ihnen eine freundlichere Haltung unverkennbar. Die breiten Märkte verhindern hier sprunghafte Bewegungen. Hinzu kommt, daß die jungen Aktien aus den letzten Kapitalerhöhungen zu einem Teil noch herumvagabundieren, also noch nicht in feste Hände gelangt sind. Außerdem darf man nicht vergessen, daß viele Leute vor gar nicht langer Zeit Montan-Aktien gekauft haben in der sicheren Erwartung, hier schnell Kursgewinne mitnehmen zu können. Das war im erhofften Ausmaß-sicherlich nicht der Fall. Die Enttäuschung führt zu ständigen Abgaben, so bald die Kurse zu steigen beginnen. Diese wurden um so forcierter vorgenommen, als gleichzeitig die bisherigen Favoriten zu neuem Leben erwachten. Kursgewinne von 100 Punkten und mehr gab es bei NSU und Daimler, kräftige Kurssteigerungen auch bei den Kaufhauswerten Karstadt und Kaufhof, bei denen als Folge der gestiegenen Massenkaufkraft neue Umsatzrekorde für 1960 erwartet werden. Die Erhöhung der Beamtengehälter zeigt überdies, daß diese Entwicklung noch keineswegs ihr Ende gefunden hat. Kurt Wendt