Man erinnert sich: 121 französische Intellektuelle (inzwischen ist ihre Zahl auf 188 gestiegen) hatten vor einigen Wochen ein Manifest aufgesetzt, in dem sie für den französischen Soldaten das Recht auf Gehorsamsverweigerung im Algerienkrieg forderten. Eine Reihe von ihnen wurden daraufhin aus öffentlichen Ämtern entlassen, erhielten Auf- – trittsverbote oder wurden unter Anklage gestellt. Eine schwierige und gewichtige Frage das: Wann hat der einzelne das Recht oder sogar die moralische Pflicht, dem Staat seinen Gehorsam aufzukündigen?

Die deutschen Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler, die dieser Tage einen offenen Brief an de Gaulles Minister André Malraux richteten, erlaubten sich keineswegs eine Einmischung in innerfranzösische Angelegenheiten, stimmten nicht etwa ein in die "Aufforderung zur Desertion", wie man das Manifest der 121 nannte – sie verlangten lediglich für ihre französischen Kollegen das Rech:, ungestraft ihre Meinung sagen zu dürfen.

Angeregt wurde diese deutsche Deklaration von Heinz von Cramer, Hans Magnus Enzensbergs, Wolfgang Hildesheimer, Robert Jungk und Hans Werner Richter. Und da es sich gerade traf, daß sich zur selben Zeit ungefähr 150 deutsche Literatei zur Tagung der Gruppe 47 in Aschaffenburg zusammengefunden hatten, wurde ihnen die Petition vorgelegt: etwa 60 von ihnen unterschrieben (nicht aber die Gruppe 47 als Ganzes, wie hier und da berichtet wurde, denn sie ist keine Institution, die unisono handeln könnte) – aber nicht nur sie, und auch nicht nur die "Linken" unter Deutschlands Schriftstellern, wie die inzwischen bekanntgewordene Liste von 82 Namen zeigt; auf ihr stehen unter anderen: Alfred Andersch, Stefan Andres, Heinrico Böll, Gertrud von Le Fort, Albrecht Goes, Helmut Gollwitzer, Erich Kästner, Hermann Kesten, Hans Hellmut Kirst, Heinz Hilpert, Erwin Piscator, Kurt Desch, H. M. Ledig-Rowohlt. Auch Ausländer haben sich der Petition angeschlossen: Max Frisco und Friedrich Dürrenmatt in der Schweiz, Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann in Österreich, außerdem Norman Mailer, John Osborne, Elio Vittorini und Sean O’Casey.

"Wir müssen gestehen", heißt es in dem Brief, "daß es uns überrascht hat, zu sehen, daß in Frankreich Menschen verfolgt werden, weil sie eine Meinung geäußert haben. Wir wiederholen noch einmal, daß wir mit unserem Brief an Sie nicht zu dieser Meinung Stellung nehmen; einige von uns halten sie für richtig, andere für unrichtig, viele von uns kennen sie gar nicht genau. Uns interessiers lediglich die Tatsache, daß in Frankreich, einem Land, von dem wir gewohnt sind, es als Vormach: der Geistesfreiheit zu betrachten, solche Verfolgungen der freien Meinungsäußerung überhaupt möglich sind. Insofern sind auch wir von diesen Verfolgungen betroffen. Aus dieser Sorge heraus und aus dem Wunsche, unseren französischen Freunden und Kollegen zu helfen, wenden wir uns heute an Sie, einen der großen Dichter Frankreichs, mit der Bitte, den Unterzeichnern der Deklaration Ihrer Schutz und Ihre Hilfe angedeihen zu lassen."

Man sieht: es handelt sich um keine deutsche Marotte, eingegeben etwa von dem Spaß, den es bereitet, zur Abwechslung einmal Frankreich gegenüber den Gerechten spielen zu können. Es handelt sich auch nicht um den ungebührlichen Versuch, sich in anderer Leute Angelegenheiten zu mischen. Wir haben ein schüchternes Bemühen vor uns, beim allgemeinen Gerede über unsere Geistesfreiheit einmal konkret zu werden. Damit aber eckt man immer an. D. E. Z.