Paris, im November

Die Lage ist zum Verzweifeln. Aber ist sie hoffnungslos? Wird in Frankreich bald wieder der politische Frieden einziehen? Diese Frage zu beantworten, müßte man Hellseher sein.

Schon seit Wochen lasten Ungewißheit und Erwartung über de Gaulle, über Algerien, über Frankreich. Ein Druck, der wohl nur noch durch "Ereignisse" beseitigt werden kann. Einerlei, was passiert – in jedem Falle wäre es eine Erleichterung.

Die Zeit der Evolution ist vorbei. Es ist offenbar die Revolution, für die sich die Leidenschaftlichen eine Chance ausrechnen. Und jede Phantasie ist dabei erlaubt. Aber bei allem Rechnen und Planen, bei allem Überlegen und Sammeln ziehen sich die "Ereignisse" immer weiter hinaus. Dies wiederum steigert die Spannung und lockt von Tag zu Tag neue Gestalten in die Arena. Man findet niemand mehr, der ernsthaft noch behaupten kann, daß er Übersicht besäße und den Nebel über Frankreich und Algerien durchschaue.

Vielleicht glaubte General de Gaulle, mit seiner Botschaft über Algerien endlich eine Tat vollbracht zu haben. Wenigstens hat er diesmal den Eindruck erweckt, als wolle er seine Algerien-Politik so schildern, daß jeder versteht, was er vorhat. Aber wieder gingen die Zuhörer auseinander, um sich über die Auslegung seiner Worte zu zanken.

In der Tat weiß man auch jetzt noch nicht genau, was de Gaulle im äußersten Falle zu opfern bereit ist. Er scheint geneigt zu sein, mit dem FLN noch einmal zu verhandeln. Aber gleichzeitig erweckte er den Eindruck, daß er die Armee nie aus Algerien zurückziehen wolle. Dabei schloß er ziemlich eindeutig die Möglichkeit einer "Algérie française" aus. Er deutete die – neue – Idee an, eine aus Algeriern gebildete Regierung könne möglicherweise zu erfolgreichen Verhandlungen über den zukünftigen Status dieses Landes führen. Doch zugleich und "gegebenenfalls" drohte er an, daß er selber in Paris die Alleinherrschaft an sich reißen könne. Wie paßt das alles zusammen?

Vertrauen hat er mit den künstlerisch-verschlungenen Formulierungen seiner Fernsehrede bei niemanden zurückgewonnen. "Wenn er wenigstens zu erkennen gäbe, daß er Algerien für verloren ansieht, so wie einst Marokko und Tunesien aufgegeben werden mußten!" So seufzt – natürlich nur im stillen Kämmerlein – die linke Opposition. "Denn dann könnte man mit dem alten General gemeinsam versuchen zu retten, was noch zu retten ist!" Aber nein, er sprach ja von Diktatur, beleidigte das Parlament und verletzte übriggebliebene Sympathien.