G. Y. Leopoldville, im November

Einmal in der Woche kommt das Dampfboot von Leopoldville und legt an der Mole in Coquilhatville an. Dann schwärmen die Boote, die das Schiff erwarten, wie Pilotenfische um einen Hai. 1800 Kilometer legt das Schiff auf einer solchen Reise zurück – zwei Tage fährt es stromauf, zwei Tage stromab. Straßen oder Eisenbahnen gibt es nicht zwischen Coquilhatville und der Hauptstadt des Kongo.

Der größte Teil der Provinz Equateur ist von dichtem Regenwald bedeckt. Dörfer und Städte sind weit verstreut; dem Verkehr dient nur der Strom und ein Labyrinth von Dschungelflüssen, in denen es von Krokodilen wimmelt. Die Provinz – eine der sechs Provinzen des Kongo, eine besonders arme – hat weniger als zwei Millionen Einwohner. Sie sind in viele Stammesverbände zersplittert, die sich mehr oder weniger heftig untereinander befehden. Diese Stammesrivalitäten haben jetzt auch auf die Städte übergegriffen.

Coquilhatville sieht deprimierend aus; aber das tat es vermutlich auch schon vor der Unabhängigkeit. Die Stadt besteht aus einer regellosen Ansammlung von kleinen, erstaunlich häßlichen Häusern und Geschäften, die vom Strom aus landeinwärts wuchern. Sie ist Provinzhauptstadt, Verwaltungszentrum und Hafen. Palmöl, Gummi, Mais, Baumwolle und Kaffee werden von den Plantagen aus dem Innern bis hierher verschifft.

Das Hotel, das einzige am Platze, ist eine Art gesellschaftlicher Treffpunkt. Besucher und kongolesische Beamte nehmen hier die Mahlzeiten ein. Belgische Geschäftsleute und Plantagenverwalter sitzen in Hemd und Shorts in der stickigen Nachmittagshitze, trinken Whisky und starren mißmutig zu den UN-Vertretern hinüber, die dort ebenfalls ihre Mahlzeiten einnehmen. Vor der Unabhängigkeit gab es in der Stadt etwa 1500 Belgier, nur 140 sind geblieben. Und kaum einer von ihnen findet ein gutes Wort für die UN-Mission. "Was glauben denn diese Narren, was sie hier tun könnten

Diese Kritik an den UN-Vertretern ist ungerecht. Schließlich ist es nicht ihre Schuld, daß in der Panikstimmung nach der Unabhängigkeit fast alle belgischen Beamten mit Ausnahme von zwei Ärzten die Provinz fluchtartig verließen. Wie überall im Kongo haben sie der UN-Mission eine drückende Last der Verantwortung hinterlassen.

Durch den Exodus der Belgier und das unvermeidlich folgende Chaos in Politik und Verwaltung ist die Zahl der Arbeitslosen sprunghaft angestiegen:6000 von ihnen gibt es allein in Coquilhatville. Private und staatliche Entwicklungspläne wurden aufgegeben, Bauvorhaben gestoppt, Straßen- und Bahnverbindungen unterbrochen. Der Gesundheitsdienst, der unter den Belgiern ausgezeichnet arbeitete, konnte nur deshalb notdürftig in Gang gehalten werden, weil einige Experten der Weltgesundheitsorganisation und eine Rot-Kreuz-Abteilung aus Kanada hier eintrafen. Aber die Stationen in den weit auseinanderliegenden Dörfern sind ohne Personal, die Gefahr von Epidemien wächst: Tuberkulose, Schlafkrankheit, Malaria und Geschlechtskrankheiten.