Einigkeit zwischen den "Sechs" und den "Sieben" festigt die westliche Welt

Von Ludwig Erhard

Ich weiß nicht, wer den Begriff "Atlantische Gemeinschaft" erfunden hat, und ob er sich der Bedeutung dieses Wortes bewußt war. Es könnte aber sein, daß diejenigen, die zum ersten Mal; von einer "Atlantischen Gemeinschaft" auch im wirtschaftlichen Bereich der Völkerbeziehungen sprachen, der Konsequenz einer gesamteuropäischen Integration ausweichen wollten.

Der schon fast historisch anmutende Streit, ob es zwischen der Gemeinschaft der "Sechs" (EWG) und dem Verband der "Sieben" (EFTA) eine Annäherung oder gar Versöhnung geben könnte, wurde in der politischen Diskussion oft mit dem Hinweis erstickt, daß jede solche Lösung den amerikanisch-kanadischen Interessen nicht dienlich sei, sondern diesen unseren Verbündeten gegenüber einen zusätzlichen diskriminatorischen Effekt auslösen würde.

Eine rein statische Betrachtung mag wohl zu diesem Ergebnis führen, aber mir will scheinen, daß unbeschadet des engeren Zusammenhalts der "Sechs" ein ökonomischer Zusammenschluß aller freien Völker Europas den Volkswirtschaften der Vereinigten Staaten und Kanadas bessere Chancen bieten würde als eine Zerspaltung, die den politischen Einsichten und Notwendigkeiten diametral entgegenstehen würde. Ich glaube zudem zu der Ansicht berechtigt zu sein, daß sowohl die Geschäftswelt der Vereinigten Staaten als auch die wirtschaftlichen Kreise im Bereich der EWG und der EFTA in ihrem jeweils wohlverstandenen eigenen Interesse eine umfassendere Lösung wünschen und wenig Verständnis für ein politisches Taktieren aufbringen.

Die Bedrohung der freien westlichen Welt durch mannigfache Einschüchterungsversuche hat wohl hinlänglich deutlich gemacht, daß nur die umfassendste Gemeinschaft eines unbeirrbaren Verteidigungswillens ausreicht, um uns ein Leben in Frieden und Freiheit zu sichern, und daß jede Vorstellung von Europa als einer Dritten Kraft – so große Verteidigungsanstrengungen auch dieses Europa in sich selbst bezeugen muß – vor der nüchternen Wirklichkeit nicht bestehen kann.

Auf diesem Felde erweist es sich als unwiderleglich, daß nur eine "Atlantische Gemeinschaft" wie sie in dem Verteidigungsbündnis der NATO zum Ausdruck kommt – richtiger gesagt: wie sie hier zunehmend entwickelt werden soll und muß – zur Verteidigung "unserer" Welt ausreicht. Dieses Bündnis allein bietet uns Schutz vor Aggressionen, wenn eine ständige Modernisierung und Anpassung an neue Notwendigkeiten erfolgen. Hier also gewinnt der Begriff "Atlantische Gemeinschaft" aus der nüchternen Beurteilung unserer Situation. Leben und Inhalt.