Von Haas Gresmann

Am 18. Dezember 1913 – knapp ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges – wurde sein Name in das Geburtenregister der Hansestadt Lübeck eingetragen: Herbert Ernst Karl Frahm. Im Jahre 1961 – eineinhalb Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges – wird er als Rivale Adenauers um das höchste Regierungsamt der Bundesrepublik kandidieren: Willy Brandt.

Mit diesem Mann, den noch vor ein paar Jahren außerhalb Berlins niemand kannte, ist der SPD zum ersten Male in ihrer Nachkriegsgeschichte ein Politiker erwachsen, der bei der Breite der Wählermassen "richtig" ankommt: Er ist attraktiv im Äußeren, wendig und beständig zugleich, ein eindrucksvoller Redner dazu, und er hat jenes "gewisse Etwas", das man nicht gleich Charisma nennen muß, um anzudeuten, daß es sich hier um eine wirkliche Führerbegabung handelt.

Wie aber die Sozialdemokraten einen publikumswirksamen Repräsentanten gefunden haben, so haben die Christlichen Demokraten einen gefährlichen Gegner gefunden. Und es gehört nun einmal zu den Regeln parteipolitischer Auseinandersetzungen, daß ein Gegner, wird er nur rechtzeitig erkannt, auch rechtzeitig bekämpft wird.

Die CDU also sammelt, was ihr gutes Recht ist, Munition gegen Willy Brandt. Und die ersten Salven, die sich im Vorgefecht des kommenden Wahlkampfes hier und dort gelöst haben, lassen sogar schon Schlüsse zu, welcher Art wohl das Pulver sei, das hier gemischt wird. Da gibt es, soweit sich bisher beurteilen läßt, zwei Zubereitungen. Die erste kann man mit dem Etikett "Gallionsfigur" versehen, die zweite mit der Aufschrift "Dunkle Emigrations-Vergangenheit".

Gezündet mit dem Pulver der ersten Zubereitung war jener Schuß, den Vizekanzler Erhard kürzlich auf Brandt abgab. Er bezeichnete den Vergleich als zum Teil richtig, Brandt nur als eine "Gallionsfigur" an Wehners Parteischiff zu betrachten: "Den Genossen, die immer noch treu marxistisch sind, ist es ganz angenehm, daß trotz der Kandidatur Brandts Wehner die Zügel in der Hand hat." Ganz in diesem Sinne äußerte sich auch Bundesverteidigungsminister Strauß: "Ich glaube nicht, daß Willy Brandt jemals die Politik der SPD bestimmen könnte. Er wird dazu benutzt, die bisherigen Wähler der CDU/CSU irrezuführen, um einer anderen Mehrheit zum politischen Erfolg zu verhelfen."

Dies sind Argumente, die ohne Frage vieles für sich haben. Sie zielen auf jene Zweifel, die – auch außerhalb der CDU – viele hegen, die sich noch lange nicht darüber im klaren sind, ob Willy Brandt das politische und menschliche Format hätte, als Bundeskanzler in die Fußstapfen des großen alten Mannes zu treten. Die Angriffe solcher Art sind fair, und sie werden sogar brillant, wenn sie sich zu Sentenzen verdichten, wie dieser: "Wehner verhält sich zu Brandt wie Marx zu Moritz."