Paris, im November

Letzthin, in seiner den algerischen Sorgen gewidmeten Fernseh- und Rundfunkrede, hat de Gaulle auch die parlamentarische Opposition erwähnt, die in der Debatte um die eigene französische Atom-Macht, die, Force de frappe, zutage getreten war; eine Gegnerschaft, nicht stark genug, die Regierung von ihren Plänen abzubringen oder gar zu stürzen, doch wahrlich stark genug, sie vor nationaler Maßlosigkeit zu warnen. "Eine Opposition", so bemerkte – de Gaulle überlegen, "in der die einen die Gegner der anderen sind".

Dies trifft zu. Doch lohnt es sich immerhin zu fragen, ob die Opponenten etwa noch etwas anderes gemeinsam haben als die Abneigung gegen die Force de frappe.

Lassen wir die Kommunisten beiseite, die augenblicklich in seltsamer Starrheit und ängstlich gehüteter "Legalität" verharren und von denen niemand weiß, ob ihnen auch heute noch, wie bisher; üblich, jeder vierte Franzose, seine Stimme geben würde. Wenn wir dann links einen de Gaulle-Gegner wie den Deputierten Maurice Faure sehen und äußerst rechts den einstigen Freund und heutigen Feind des Generals, den Minister a. D. Soustelle, so überblicken wir zwischen diesen Eckpfeilern eine spannungsgeladene Front, deren Mehrheit sich keineswegs aus Prinzip den Plänen de Gaulles entgegenstemmt, sondern – ganz im Gegenteil – den Staatschef unterstützt und höchstens von Fall zu Fall opponiert. Was diesen Politikern gemeinsam ist, verdient freilich nicht in jedem Falle eine Idee genannt zu werden (dafür scheinen die Vorstellungen bei dem einen oder anderen noch zu verschwommen, zu improvisatorisch zu sein). Doch eine Haltung darf man es nennen, mindestens eine Konvention. Bei vielen aber handelt es sich umeine Überzeugung, ja sogar um einen Stil. Sie denken – jeder nach seinem Maß – in europäischem Rahmen. Und man übertreibt nicht, wenn man sagt, daß heute die besten Europäer in Frankreich wohnen.

In Deutschland wird dies zu wenig bemerkt. Auch wir haben unsere "europäische Epoche" erlebt. Wir strebten leidenschaftlich Europa zu, weil wir eine neue Heimat suchten, da wir, wie Paul Reynaud in jener Force de frappe-Debatte sagte, unsere Heimat verloren hatten: das Reich. Aber wir reagierten zu emotional – bis auf Adenauer, der hartnäckig seinen Kurs innehielt, weil ihm die Idee einer deutsch-französischen Versöhnung und Zusammenarbeit nichts Neues war, und der – geht alles gut – als der "Vater Europas" in die Geschichte eingehen wird: hochgeachtet besonders bei den jungen Vertretern eines modernen Frankreich. Aber die älteren französischen Politiker haben es ihm und seinem Partner von der anderen Seite des Rheins, dem Lothringer Robert Schuman, schwer gemacht, so schwer, daß wir Deutschen Mühe hatten, unsere Enttäuschung und Europa-Müdigkeit zu bekämpfen, die zu schnell kam, weil wir Europa zu hastig geliebt hatten.

Wir haben damals vieles wohl gesehen, aber nicht wahrgenommen. Wir sahen Mendès-France, der seine eigene Parole "Regieren – das heißt entscheiden!" einmal nicht befolgte: in jener Parlamentssitzung vom 29. August 1954, wo es um die Abstimmung über eine deutsch-französische Verteidigungsgemeinschaft ging, wo er von "Unbehagen", von "echten inneren Schwierigkeiten des einzelnen" sprach und riet, jeder Abgeordnete möge seine eigene Wahl treffen. Von allgemeiner Entscheidung keine Spur. Dies sahen wir. Aber wir nahmen damals nicht wahr, daß das Scheitern der EVG der Anfang vom Ende der Regierungszeit desselben Mendès-France war, der – alles in allem genommen – doch einer der großen politischen Köpfe Frankreichs war und ist.

Was ihm Unbehagen machte, nämlich die Entstehung der Bundeswehr, passierte dann doch, und der Anblick der in die NATO integrierten deutschen Truppen hat ihn, der darin de Gaulle gleicht, daß man sich ihn keineswegs als einen Anhänger "Klein-Frankreichs" vorstellen darf, zu einem Manne gemacht, der zwar nicht sogleich ein Freund Europas wurde, aber bereit ist, die Tatsache Europas zu akzeptieren.