Während der Zeit jener Enttäuschung, die Mendès-France und manch anderer den europa-süchtigen und sogleich europa-müden Deutschen bereiteten, macht Adenauer sich auf, Europa "durch die Hintertür" zu suchen. Der Bundeskanzler, der mit de Gaulle gemeinsam hat, daß Wirtschaftstheorien nicht seine stärkste Seite sind, hat offensichtlich den Plan, den der Generalkommissar Jean Monnet schon im Jahre 1950 ausgearbeitet hatte und der den Namen des französischen Adenauer-Freundes (und damaligen Außenministers Frankreichs) Robert Schuman trägt, möglichst kräftig und möglichst heimlich zu fördern und auszuweiten gesucht. Aber schon damals, im Mai 1950, als Schuman im Festsaal des Außenministeriums von einem "Pakt über Kohle und Eisen" sprach, hörten im Büro seines Planchefs die Journalisten den Hausherrn Jean Monnet sagen: "Sie sprechen von ‚Kohle und Stahl‘? Ich hätte es lieber, Sie sprächen von Europa!"

Seit jener Zeit hat Adenauer, unbeirrbar von Rückschlägen, wie sie ihm dann auch wirklich durch Mendès-France zuteil wurden, über die drei supranationalen Behörden, die Montan-Union, die EWG und Europatom stets nur das eine Ziel – Europa – im Auge gehabt: erreichbar notfalls "durch die Hintertür".

Möglicherweise liegt es daran – nur daran –, daß diese Behörden samt dem europäischen Parlament in Städten des französischen Sprachraums tagen – jedenfalls: Während der Zeit deutscher Europa-Müdigkeit hat eine französische Elite, die man in Frankreich mit dem nicht in allen Kreisen für schmeichelhaft geltenden Wort "Technokraten" bezeichnet, sich um die Mitarbeit in diesen europäischen Gremien bemüht – mehr als wir Deutsche beispielsweise.

Und de Gaulle? Man läßt ihn als den mächtigen Konsul altrömischer Art gelten in diesem Kreis und achtet ihn, den Lehrerssohn – mehr denn als einen General – als den Lehrer der Nation. Es ist ein weitausgedehnter Kreis, andem die berühmten alten (Paul Reynaud) und bravourösen Vertreter des Geistes, Witzes und des Humanismus (Francois-Poncet) teilhaben, aber in dem die Jüngeren die Arbeit tun, wie es sich gehört.

Schon mancher Deutsche, der in diesen Kreis geriet, hat den französischen Impetus angestaunt oder beargwöhnt. "Läßt sich", hörte man ihn munkeln, "die französische Vorherrschaft über Europa vielleicht nicht allein mit Linien und Farben der großen Legende an die Wand malen, sondern auch durch stille intensive Arbeit erreichen?"

Der Skeptiker wiederholt die Frage: "Und de Gaulle, der dem Ziel eines übernationalen Europas ein ‚Europa der Vaterländer‘ entgegensetzt?"

Und zur Antwort werden de Gaulle-Zitate schon aus dem Jahre 1950 gegeben: "Wir müssen Europa vereinen! Wir brauchen als Basis eine praktische französisch-deutsche Zusammenarbeit, vor allem in strategischer und ökonomischer Hinsicht. Wir brauchen europäische Institutionen." Und ein anderes Mal, im selben Jahre, doch diesmal geradezu poetisch, hieß es aus dem Munde des Generals: "Vor dem Abgrund, der sich von neuem geöffnet hat, sehen die Kinder Europas die Einheit des Kontinents – wenigstens, soweit er noch frei ist – aus dem Königreich der Träume hervorgehen. Ja, dieser Traum muß Politik werden. Und diese Politik ist die unsrige."