Von Josef Müller-Marein

In den zwanziger Jahren kam Bela Bartók nach Berlin, um Freunden sein inhaltlich wie musikalisch anstößiges Ballett vom "Wunderbaren Mandarin" vorzuspielen. Er hatte einen Klavierauszug für vier Hände gemacht, weil zwei Hände nicht ausreichten, die Partitur wiederzugeben. Lange fand er keinen Partner, der den technischen und musikalischen Schwierigkeiten gewachsen war, bis Busoni ihm schließlich einen seiner Schüler schickte. "Setzen Sie sich ans Klavier", sagte Bartók, sonst kein Wort. Und wortlos nahm der junge Mann Platz, und sie spielten das vertrackte Stück, ohne daß sie pausieren, Irrtümer korrigieren oder sich verständigen mußten.

Bartók war nicht bloß ein großartiger Pianist, sondern es war ja seine Musik, die er zu vertreten hatte. Für den anderen war alles dies neu. Er machte, als sie geendet hatten, eine Verbeugung und ging. Bartók behielt diese Szene immer im Gedächtnis: das Schweigen, die Verbeugung, das makellose Spiel, das schmale Gesicht mit der kühnen Nase und den großen Augen, die magere, nicht eben elegant gekleidete Gestalt. "Wer war das?" fragte Bartók. – "Ein Grieche namens Mitropoulos."

Soeben hat die musikalische Welt Abschied von ihm genommen. Er hatte gerade mit dem glänzenden Orchester des Kölner Senders die Dritte Symphonie von Gustav Mahler gespielt. – Er war nach Mailand gefahren, um auch dort dieses Werk einzustudieren, diese grandiose Musik aus einer Epoche, da Mahler noch mehr als sonst Ideen natur-religiöser Art hingegeben war und da die Nietzsche-Zeile "O Mensch, gib acht" ihn tief beschäftigte. Mitropoulos war mitten in der Probe des ersten Satzes, als er plötzlich zusammenbrach. Herzschlag. Auch Furtwängler – mit dem Mitropoulos gewisse äußerliche Ähnlichkeit hatte – war so getroffen worden: bei der Arbeit am Dirigentenpult. Genau wie Furtwängler nahm Mitropoulos den Tod nicht wahr, der ihn auf dem Transport zum Krankenhaus ereilte; das Letzte, was er wahrgenommen hatte, war Mahlers Symphonie.

Mit diesem stillen, höflichen Manne, der eine freundliche Legerität zur Schau trug, müsse sich angenehm musizieren lassen – auf diese Bemerkung in Musikerkreisen erwiderte einer: "Er gehört nicht vor’s Orchester; er gehört auf den Berg Athos." Vielleicht wußte dieser Mitwirkende an den Salzburger Festspielen, daß Mitropoulos Sohn eines gelehrten Priesters und Enkel eines Bischofs war. Vielleicht wußte er es nicht. Dann hat sein (übrigens berlinisches) Wort auf die Strenge der Kunstanschauung gezielt, die Dimitri Mitropoulos zu eigen war, auf sein Streben, nicht nur die Noten darzustellen, sondern das, was hinter den Noten steht. Also ein kluger, grübelnder Diener am Werk? Zugegeben, aber mit dem Hinweis, daß ihm die Musikwissenschaft, die er, der Intellektuelle, beherrschte und stets heranzog, nicht wichtiger war als die Musik.

Sein Lehrer Busoni spielte Bachs "Wohltemperiertes Klavier" aus Überzeugung auf dem modernen Flügel und mit – wenn auch gemäßigtem, "stilisiertem" – Espressivo, und die Puristen, die Bachs Klaviermusik nur auf dem Cembalo oder nur mit Register-Dynamik gelten lassen wollten, konnten ihn nie überzeugen. So auch Mitropoulos als Dirigent: Er musizierte die klassische und romantische Orchestermusik, in der er ebenso brillierte wie die anderen prominenten und internationalen Taktstock-Virtuosen, auf möglichst glutvolle, aufwühlende Weise.

Allerdings kam es ihm bei alledem darauf an, den spirituellen Gehalt herauszukristallisieren – dies eben nicht mit Verzicht, sondern äußerster Pflege der Farben. Dies war Busonis Lehre der Interpretation, und ihr blieb er treu. Aber Treue hielt er auch Busonis Wegweisung und Philosophie der Neuen Musik. Wie sehr er da Philipp Jarnach, dem anderen Busoni-Schüler, nahestand! Dieselbe Klarheit und Reinheit der Kunstanschauung, dieselbe weltläufige und zugleich tiefe Bildung, dieselbe Höflichkeit, die Strenge verbirgt (was leicht zu Mißverständnissen führt), derselbe Eindruck auf die Mitwelt, daß sie Kunst nicht allein für die ästhetische, sondern auch – moralische Sache halten. Schließlich die Überzeugung, daß das Schaffen der Lebenden einer der Maßstäbe für den Reichtum des Kunstbesitzes von Jahrhunderten sein muß.