Oft schleicht man sich von seinen professionellen Kinobesuchen beklommen nach Hause, mit schrecklichem Unbehagen über diese unsere Zeit und ihren Pessimismus. Das Saubere, Ordentliche, Vernünftige scheint zu normal, um auf der Kinoleinwand behandelt zu werden, das Gute zu langweilig. Die rosig verfälschten Bilder der einstigen „Traumfabrik“ haben sich ins extreme Gegenteil verkehrt. So wird alles Kritisierbare mit eifriger Unbarmherzigkeit ans Licht gezerrt und offen gebrandmarkt. Gebrandmarkt oder mit Lust erzählt? Man kann es oft nicht unterscheiden.

In einer neuen Filmgeschichte der so photogenen „großen Familien“ Frankreichs wohnt die Geliebte des Hausherrn in einem japanischen Pavillon ganz bequem gleich neben dem Schloß, in dem er seine Frau vor einen Spiegel zerrt und ihr sagt, daß sie nun häßlich, alt und nicht mehr begehrenswert sei. Und ein junger Barbar, der „aufbegehrenden, unverstandenen Jugend zugehörig“, hat sich an die Tochter und ihr Geld herangemacht. Der Darsteller dieses Rüpels, Jean-Paul Belmondo, hat in kurzer Zeit mit diesem selbstgefälligen Typ Karriere gemacht und ist einer der begehrten Stars der ungebärdigen Neuen Welle.

Dazwischen leuchten rote Mohnfelder, säuselt erotisches Geflüster, wird der Sexus mit Liebe verwechselt, erklingt auf perverse Weise Mozarts Musik zu einem Mord, der heute in kaum einem anspruchsvollen Film mehr fehlen darf. Ein degenerierter Sohn leidet am Mutterkomplex, es findet ein ekliger Männerkampf im Sumpf statt, aus dem der rabiate, rüpelhafte Junge auch noch moralisch als Sieger hervorgeht und sich als psychoanalytischer Kurpfuscher bewährt. Wie sich in diesem und anderen Filmen Menschen mit Lust quälen und verletzen und wie mit dem ständigen Schlagwort „Das ist alles verlogen“ Takt, Schamgefühl und anständige Formen des menschlichen Zusammenlebens diffamiert und angenehme Distanz zu Dingen und Menschen zerstört werden, das ist haarsträubend. Regie: Claude Chabrol.

Zwar beschwören diese „Schritte ohne Spur“ nachträglich eine gewisse Parallele zu dem Fall Michelin in Frankreich herauf, aber der Wirklichkeit kommen wir dadurch nicht näher. Das Schlimmste an diesem durch geschickte Farbdramaturgie und darstellerische Leistung (die gequälte Ehefrau: in einem schwierigen Part Madeleine Robinson) faszinierenden Film ist es, daß er nicht Stellung nimmt. Daß er also keine reinigende Wirkung hat, sondern das Vulgäre glorifiziert. So daß dies alles kein moralisches Aufbegehren gegen verstockte „Spießer“ ist, sondern menschliche Unreife.

Genauso unentschieden und lasch mischt eine deutsche Filmkomödie Phantasie-Gangstertum und Wirklichkeit in dem seit einiger Zeit üblichen Versuch, das „Wirtschaftswunder“ zu dämonisieren. Die Uraufführung fand in Hamburg (Passage-Theater) statt. Das Stück gebärdet sich anspruchsvoll, obwohl der Titel „Mit Himbeergeist geht alles besser“ auf eine Klamotte schließen läßt.

Ein Mann wird, wenn der Film anhebt, im Jahre 1959 oder 1960, zum Ehrenbürger seiner Stadt ernannt und erzählt – na, wem wohl? – einem Reporter sein tolles Leben. Er war nacheinander Schnapshändler, Soldat, Ausbrecher aus dem Kriegsgefangenenlager, Träger einer amerikanischen Offiziersuniform, Schwarzhändler mit Schrott, Schieber in Kunstwerken und ist zuletzt Fabrikant in Papiertüchern für den Toilette-Bedarf. Da steckt Komik drin, und O. W. Fischer spielt sie mit solch einer Verve aus, daß eine Posse für die Armen im Geiste daraus wird.

Er wirkt sympathisch, dieser Schieber, und sucht mit dem Publikum augenzwinkerndes Einverständnis. Seine üble These, daß er sich für sechs Jahre Krieg („Ich bin sechs Jahre lang betrogen worden“) schadlos halten muß – an wem wohl? – wird hier gerechtfertigt. Es werden viele Phrasen nachgedroschen. Auch in den Betten. Man sieht diesen Gauner und seine Gesinnungsgenossen und -genossinnen so und sooft darin. Es wird eine so wilde und wahllose Sinnenlust vorexerziert – selbst die Chinesin fehlt nicht –, daß man schließlich nicht einmal schockiert, sondern bloß angeödet ist. Regie: Georg Marischka. Die „verfremdete“ Musik – „Lili Marlen“, Wagner und „Üb’ immer Treu und Redlichkeit“, die an den unmöglichsten Stellen ertönt – zeigt Witz, aber ebensoviel Robustheit.

Ich fürchte, das Ausland wird über dieses neue Produkt aus der Bundesrepublik ebenso urteilen wie kürzlich eine Schweizer Stimme („Weltwoche“) über den deutschen Film „Die Botschafterin“ (mit Nadja Tiller): „In der Mischung von Ernsthaftigkeit des Vorwurfs und besserer Kolportage ausgesprochen widerwärtig“, oder eine englische („Observer“) über „Rosen für den Staatsanwalt“: „Der Film enthält, ob beabsichtigt oder nicht, die Belehrung, daß da ein Zug von unausrottbarer Brutalität im deutschen Charakter steckt.“ Es ist kein Trost, daß man, um nach den Filmen zu urteilen, hinzufügen könnte: „... auch im französischen (amerikanischen et cetera).“ Erika Müller