Während des Zweiten Weltkrieges tauchte überall dort, wo die Truppen Hitlers einen überraschenden Sieg errungen hatten, die Mär von der "Fünften Kolonne" auf. Ein Franzose verstieg sich zu der Annahme, daß Deutschland außerhalb seiner Grenzen eine Armee von zwanzig Millionen unterhalte, und ein Amerikaner veröffentlichte 1943 eine Bibliographie mit 290 Titeln über die "Fünfte Kolonne".

Der Terminus ist eine Prägung des spanischen Bürgerkrieges. Als die nationalen Streitkräfte auf Madrid vorrückten, erklärte der spanische General Emilio Mola, daß der Angriff von vier Kolonnen vorgetragen werde, daß aber in Madrid selbst eine "Fünfte Kolonne" den Kampf auf das Regierungsviertel eröffnen werde. Seitdem war das Wort in aller Munde, und niemand zweifelte daran, daß Hitler mit Hilfe einer derartigen "Fünften Kolonne" im Ausland kriegsentscheidende Wühlarbeit geleistet habe. Der holländische Historiker Louis de Jong hat nun im Auftrage einer Körperschaft der UNESCO die Existenz und das Wirken dieser "Fünften Kolonne" untersucht –

Louis de Jong: "Die deutsche Fünfte Kolonne im zweiten Weltkrieg"; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart; 282 S., 19,80 DM.

Jong spürte zunächst den Berichten nach, die während der Hitlerdiktatur über die "Fünfte Kolonne" in fast allen Ländern, in die die deutschen Marschstiefel vordrangen, kolportiert wurden. Augen- und Ohrenzeugen wollten es genau wissen, daß den einrückenden deutschen Truppen Lichtsignale gegeben und an die eigenen Nationalverbände falsche Befehle durchgesagt worden seien. Die Handlungen, die von der "Fünften Kolonne" ausgeführt worden sein sollen, reichen vom Spionage-Anschlag bis zur Verschwörung.

Nach der nunmehr vorliegenden, vom Münchner Institut für Zeitgeschichte herausgegebenen Untersuchung wissen wir, daß es keinen derartig planmäßig eingesetzten Verband gegeben hat, obwohl bis zum Erscheinen dieser Studie nirgendwo auch nur der geringste Zweifel an der Existenz einer "Fünften Kolonne" geäußert worden war.

De Jong kommt zu dem Ergebnis, daß zwar in Deutschland verschiedene Stellen von Partei und Staat daran beteiligt waren, die Widerstandskraft anderer Länder zu untergraben. Hier werden vor allem die Auslandsorganisation der Partei, ihr Außenpolitisches Amt, die Volksdeutsche Mittelsteile und der Sicherheitsdienst Himmlers genannt. Hinzu kommen die besondere Stellung des Auswärtigen Amtes, das da und dort auf eigenen Pfaden Spionage trieb, und der reguläre Abwehrdienst der Wehrmacht.

"Es hat sich jedoch nicht ergeben, daß zwischen den eben erwähnten sechs deutschen Stellen eine enge und harmonische Zusammenarbeit bestanden hat, bei der sich aus gemeinsamen Beratungen bestimmte Aufgaben ergeben hätten."

Wenn auch die Fabel von der "Fünften Kolonne" selber dank dieser Untersuchung wie eine Seifenblase zerplatzt ist, so bleibt doch die bedauerliche Tatsache, daß viele Personengruppen leidvolle Opfer dieser Fabel geworden sind. Zahlreiche deutsche Emigranten in Frankreich und in England und die sogenannten Nisei, die amerikanischen Staatsbürger japanischer Abkunft, mußten mit Internierung und Abtransport dafür zahlen, daß man an das Wirken derartiger "Fünfter Kolonnen" geglaubt hat. Herbert Hupka