H. L., Dortmund, im November

Tausend Kilometer bin ich gefahren, meiner Frau und meinen drei Kindern habe ich das Geld abknapsen müssen – und jetzt war alles umsonst. Bloß weil dreißig Specker im Saal sitzen, die keinen Mut haben! Wirt, noch ein Bier!“

Aus Freiburg im Breisgau kam der Genosse, der sich solchermaßen das Herz erleichterte. Sein Kummer: auf dem Dortmunder Kongreß der „Vereinigung ausgeschlossener und ausgetretener Sozialdemokraten“ wurde keine neue Linkspartei gegründet. Nur ein politischer Zwitter erblickte das Licht der Welt – die „Vereinigung Unabhängiger Sozialisten“.

Was diese Vereinigung eigentlich soll, ist offenbar noch nicht einmal ihren geistigen Vätern ganz klar. Albert Berg, aus der SPD ausgeschlossener Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft, betrachtet es als ihre Aufgabe, den „Glauben an den Sozialismus“ hochzuhalten. Karl Eckerlin, wegen Ostkontakten abgehalfterter ÖTV-Boß aus Kassel, rief zur Sammlung der Kämpfer gegen das Godesberger „Kapitulationsprogramm“ der SPD auf. Widerspruchsvoll war auch, was Dr. Gerhardt Gleißberg, der ebenfalls aus der SPD ausgeschlossene Ex-Chefredakteur des Parteiorgans „Neuer Vorwärts“, in seinem 135-Minuten-Referat zu sagen hatte.

Nicht die Bildung einer linksextremen Partei, nicht die Spaltung der SPD, kein „Obdachlosenasyl für heimatlos gewordene Sozialdemokraten“ schwebe den Organisatoren des Kongresses vor, sagte der Chefredakteur des radikalen Blattes „Die andere Zeitung“. „Unser Ziel ist vielmehr, die Linke in der SPD zu stärken, sie bewußter im Widerstand gegen die opportunistische Politik der Wehner, Brandt, Erler und anderer zu machen und es dem SPD-Apparat zu erschweren, die Linken aus der Partei zu drängen“. Fazit also: Unterwanderung der SPD, „Partei“ in der Partei, getreu dem leninistischen Vorbild der Fraktionsbildung. Jedoch: „Wenn es zu einer Spaltung kommt, dann muß es klar sein, daß die Rechten die Spalter sind... Das ist unser Fernziel.“

Aber so ganz klar ist das auch nicht. Wenn die „Frankfurter 36“ um Frau Professor Riemeck, Graf von Westphalen und General a. D. Beyer zur Bildung einer „Fortschrittlichen Union“ aufrufen, wollen sich die „Unabhängigen Sozialisten“ anschließen. Dient die Tagung in Dortmund nur der Vorbereitung einer späteren Parteigründung? Offenbar nicht, denn: „Es geht darum, der grundsatzlosen Kapitulationspolitik der rechten SPD-Führung eine Alternative entgegenzustellen, die rote Fahne aufzugreifen, die die Führungsmannschaft der SPD in den Staub hat sinken lassen, die Reihen der Kämpfer für Frieden und Demokratie zu sammeln, aus denen die SPD-Führung desertiert ist.“

Die rund 400 Delegierten und Gäste im „Rittersaal“, einer der 1234 Dortmunder Kneipen, blieben bei der Schaustellung dialektischen Feinsinns fast ungerührt. Gewiß, die Umgebung war nicht zu geistigen Höhenflügen angetan – ein verrauchter, dringend der Renovierung bedürftiger Tanzboden ist kein Ort für intellektuelle Florettgefechte. Gleißberg haspelte sein Referat mit der kalten Energie des Fanatikers ab. Ganz selten Beifall, Zwischenrufe nur, als er die Hoffnungen auf eine sofortige Parteigründung kurz und bündig begrub. Auch ein vereinzeltes „Pfui“ – es galt den „Ballastabwerfern“ Carlo Schmid und Fritz Erler, die den „Glauben der Mitglieder und Wähler an die Partei systematisch zerstört haben“. Die zwanzig programmatischen Forderungen gingen schließlich im Geklapper der Teller und Bestecke unter. Auch radikale Sozialisten wollen essen.