New Delhi, im November

Der große, elegante Herr mit dem scharfgeschnittenen indischen Aristokratengesicht, der seit zwei Monaten als Beauftragter des UN-Generalsekretärs im Kongo eine der heikelsten politischen Aufgaben unserer Tage zu erfüllen hat, gehört zur ersten Garnitur der indischen Diplomaten, und sein Beruf ist – wie seine Kleidung – nach Maß für ihn geschneidert. Auf der Visitenkarte des Inders stehen hinter seinem Namen Rajeshwar Dayal die Buchstaben I. C. S., und das gilt in Indien wie in England noch heute als das höchste politische Adelsprädikat.

Der Indian Civil Service war ein Elite-Orden von besonders sorgfältig ausgesuchten und ausgebildeten englischen und indischen Beamten der britischen Kolonialregierung in Indien, eine kleine – auf knapp tausend Mann begrenzte – Gruppe hochqualifizierter Administratoren, mit der England den ganzen Subkontinent regiert hat. Bereits 1867 war der erste Inder in diesen Orden aufgenommen worden; 1947 bestand er zu über – neunzig Prozent aus indischen Beamten, die von der Pike auf das Handwerk und die Kunst des Regierens gelernt hatten und die sich ein historisches Verdienst um den reibungslosen Übergang von der Kolonialherrschaft zu der verwaltungstechnisch einwandfrei funktionierenden Regierung des unabhängigen Indiens erworben haben.

Dayals Aufgabe im Kongo aber ist deshalb so unvergleichlich schwierig, weil hier nichts existierte, was auch nur im entferntesten mit dem I. C. S. vergleichbar war. Der Meisterschüler aus der britisch-indischen Hohen Schule der Selbstverwaltung soll jetzt helfen, den Schaden zu reparieren, der entstanden ist. weil die Kongolesen von ihren belgischen Kolonialherren nicht einmal das Einmaleins der Selbstregierung gelernt haben.

Der heute 51jährige indische Diplomat erfüllt zwei wichtige Voraussetzungen für das Amt, das ihm Dag Hammarskjöld übertragen hat. Die eine ist seine angeblich durch nichts zu erschütternde und mit Humor gewürzte Geduld, die man wohl braucht, wenn man mit einer Regierung verhandeln muß, die praktisch gar nicht existiert oder allenfalls als vielköpfige Hydra, von der ein Kopf den anderen umbringen möchte. Die zweite Eigenschaft, die erfolgreiches Arbeiten in solch verzwickter Situation erfordert und die Dayal nachgerühmt wird, ist seine stets zu Entscheidungen bereite Verantwortungsfreudigkeit.

Die gleichen Tugenden hat Rajeshwar Dayal bereits auf seinem letzten Posten als indischer Hochkommissar (Botschafter) in Pakistan bewiesen. Während seiner Amtszeit in Karatschi wurden die überaus schwierigen, mühevollen und enttäuschungsreichen Verhandlungen um die Neuverteilung des Indus-Wassers nach achtjährigem vergeblichen Bemühen endlich erfolgreich zu Ende geführt. Und wenn die indisch-pakistanische Verständigung auch auf anderen Gebieten – nach einer langen Zeit zunehmender Entfremdung – in den letzten zwei Jahren erfreuliche Fortschritte gemacht hat, so ist das zum guten Teil ein persönliches Verdienst Dayals, dessen Initiative der Politik seiner eigenen Regierung manchmal vorauseilte.

Hammarskjöld hat den indischen Diplomaten als Mitarbeiter schon während der Nahostkrise im Sommer 1958 besonders schätzen gelernt. Dayal gehörte damals zur Beobachtergruppe der Vereinten Nationen im Libanon. Auch dort prallten ja – wie heute im Kongo – regionale und internationale Interessengegensätze aufeinander, und Rajeshwar Dayal zeigte in dieser Situation soviel politisches Fingerspitzengefühl, daß ihn der UN-Generalsekretär in einer noch kritischeren Lage zum Nachfolger von Dr. Ralph Bunche im Kongo ernannte. Der amerikanische Neger, US-Staatsbürger in Afrika, war trotz seiner Hautfarbe dem Verdacht, er nehme einseitig Partei, mehr ausgesetzt als der Inder, dem die Afrikaner den Vertrauenskredit eines wirklich Neutralen einräumten. Die westlichen Diplomaten allerdings neigen heute dazu, in der Haltung Dayals Elemente der indischen Außenpolitik zu sehen, die wiederholt zugunsten des gewählten Parlaments und damit für Patrice Lumumba Stellung bezogen hat. Das gilt vor allem für die Amerikaner, die gegen Dayals jüngsten Lagebericht aus dem Kongo letzte Woche starke Bedenken angemeldet haben. Auch der Oberst Motubu, der schwache "starke Mann" des Kongo, ist dem Inder nicht eben grün.