Von Walter Abendroth

Die deutsche Literatur hat sich bis jetzt der Aufgabe versagt, das Geschick der Kinder Israels darzustellen, und wir selbst haben mit Erfolg aus unserem Bewußtsein verdrängt, daß wir so lange verantwortlich bleiben, bis geistige Widergutmachung geleistet ist. Also der Klappentext eines Romans, der nicht zu verantworten wäre, wenn er sich nicht auf dokumentarisch erwiesene Wahrheiten stützen könnte. Er gibt nicht nur Dingen, von denen heute alle wissen, erschütternde Bildhaftigkeit; er erschüttert auch ein System von Vorstellungsnormen, welche jener "geistigen Wiedergutmachung" im Wege stehen, indem sie die Dinge versimpeln: weil das Simple sich leichter beiseiteschieben läßt als eine Fragestellung, die auf Beantwortung aus dem Geiste wirklichen Verstehens, des Verstehens. der Wirklichkeit, drängt.

So viel als Einleitung zur Besprechung des Romans von

Henning Meincke: "Davids Harfe"; Voggenreiter Verlag, Bad Godesberg; 432 S., 16,80 DM.

Machen wir uns doch nichts vor: nationalsozialistische Sprachregelung fand die schrecklich vereinfachte Formel: "Die Juden sind überall Fremdlinge, natürliche Feinde ihrer ‚Gastvölker‘, also müssen sie beseitigt werden." Die Sprachregelung der Re-Education setzte an die Stelle dieser Formel die nicht weniger schrecklich vereinfachende These: "Es gibt gar keine Judenfrage".

Schon das ist fragwürdig an dieser zweiten Simplifikation, daß sie, genau wie die erste, eine Kollektiv-Charakteristik anbietet für "die Juden". Daß es in diesem Sinne "die Juden" nicht gibt, wird aus dem vorliegenden Buche ebenso deutlich wie die Tatsache, daß es hingegen sehr wohl eine "Judenfrage" gibt.

Auch hier, in dem polnischen Getto III, 1942, von dem der Roman erzählt, auch hier gab es "die Juden" nicht! Und das erst machte das Getto-Leben zur Hölle der totalen Sinnlosigkeit.