Zuerst war es zum Weinen: Das dritte Programm des NDR hatte zur Diskussion geladen ("Probleme, die junge Menschen bewegen"), fünf junge "politisch interessierte" Bundesrepublikaner saßen einem geschulten Kommunisten aus der Zone gegenüber. Die armen Aufrechten kamen kaum zum Zuge, zwei schwiegen von vornherein, die anderen beschränkten sich auf zaghafte Fragen und Einwürfe, nur der Kommunist redete und redete, und plötzlich war der Westen ein Sumpf von Nazis, Diktatoren, Monopolkapitalisten und unfreier Presse. Mancher Zuhörer mag gekocht haben vor ohnmächtiger Wut, nicht helfend in die Diskussion eingreifen zu können. Dennoch kam’s zum guten Ende. Der Kommunist war nämlich gar keiner – mehr, wie der Diskussionsleiter hinterher bekanntgab. Der Ehemalige, der seine Rolle ganz vorzüglich gespielt hatte, widerlegte nun sich selbst, analysierte die Fehler seiner Gegner und zeigte die Ziele des kommunistischen Diskussionsredners, der vor allem bemüht ist, in der Offensive zu bleiben und weniger auf den Gegner als auf den Zuhörer zu wirken.

Intelligenz allein genügt also nicht, wenn man mit Funktionären diskutiert. Wer die Technik der dialektischen Diskussion nicht beherrscht, versteigt sich automatisch in ein gedankliches Chaos. Diese Technik kann man lernen, durch sie kann man sogar den Kommunismus mit dem Kommunismus widerlegen. Bleibt die Frage, wo man diese Technik lernen kann. – Die Bemühungen um die Bewältigung der Vergangenheit sind in Gang gekommen, vielleicht sollte man darüber nicht ganz die Bewältigung der Gegenwart vergessen. Die Sendung des NDR war eine vortreffliche Anregung. Jürgen Zimmer

Autor rettet Mörder

Die Engländer haben ihre eigene Sorte Humor. Trocken wie Kamelmist hat man ihn genannt. Davon spürte man etwas in John Mortimers Funkkomödie "Das Pflichtmandat" (Radio Bremen). Beginnen wir mit dem Pflichtmandanten. Er hat seine Frau auf dem Gewissen. Sie hatte die Leidenschaft, sich über alle möglichen Dinge halbkrank zu lachen. Ihren Mann machte das krank. Reibungen erzeugen Nervenstörungen. Der Mord ist dann nur noch eine Frage der Zeit. Da der eingelochte Mister Fowle keinen Verteidiger bestellt hat, bestellt man ihm einen. Und Mister Morgenhall fällt der Mandant seines Lebens zu, der erste überhaupt. Ausgerechnet dessen Chancen sind hoffnungslos. Statt sich nun in sein Schicksal zu ergeben, wendet Morgenhall Phantasie an. Es gibt keine Unmöglichkeit, die er nicht juristisch zu lösen sich anheischig machte. Doch nützt das keinem von beiden. Daß der Angeklagte seinen Kopf behält, verdankt er allein dem Autor, der die Geschichte nicht ohne Pointe beenden will. Ein Prozeßfehler verschafft dem Todeskandidaten unerwartete Freiheit und dem Anwalt die Schmach seines Lebens. Eine kurzweilige Angelegenheit, die Oswald Döpke mit Günter Lüders und Benno Sterzenbach poltergeistig inszenierte. dree

Ein modernes Märchen

Die Französin Marguerite Duras verfaßte das Drehbuch zu dem weltberühmten Film "Hiroshima, mon amour". Jahre zuvor hatte sie bereits das Hörspiel "Gespräch im Park" geschrieben, das jetzt der Hessische Rundfunk sendete. Natürlich ist es ein Gespräch zwischen Mädchen und Mann. Aber es wird kein süßes Geflüster. Zufällig sitzen sie nebeneinander: ein Hausmädchen und ein Straßenverkäufer. Sie sind sich fremd und gleichgültig. Die Worte fallen wie nebenbei und absichtslos. Doch während sie ins Reden kommen, entdecken sie einander und sind verzaubert, ohne es zu wissen. Sie schenken sich gegenseitig ihre traurigen Träume, das bißchen Hoffen, die Enttäuschungen. Doch erst beim Aufbruch ahnen sie, daß dieser Frühlingsnachmittag außergewöhnlich für sie war und unvergessen sein wird. Noch immer fürchten sie das Leben. Und sie wissen noch nicht so recht, daß sie sich ein wenig liebgewonnen haben. Aber vielleicht sehen sie sich wieder am nächsten Samstag – vielleicht.

Die Stunde auf der Parkbank mutete an wie ein scheues Märchen aus unserer Zeit. H. K.