Österreichs Dichter sind mehr als eine attraktive Trachtengruppe

Von Ernst Stein

Im Lokalblatt stößt man mitunter auf eine Notiz, in der ein Bekümmerter Wert auf die Festteilung legt, daß er mit einem wegen versuchten Raubmords verhafteten oder nach Unterschlagungen durchgebrannten Namensvetter weder dentisch noch verwandt ist. Unwillkürlich fragt man sich: Ist er es nicht vielleicht doch?

So ähnlich verhielt es sich mit der deutschen und der österreichischen Literatur. Sie waren nicht dentisch, und sie legten Wert auf die Feststellung. dauernd wurde den gern gesehenen Gästen aus Österreich, die sich in Deutschland wie zu Hause ühlten, die Herkunft bescheinigt. Nie wurde es unterlassen, von dem österreichischen Dichter Hofmannsthal zu reden, von einer Wiener Literatur, die man charmant oder feinsinnig fand, müde oder temperamentvoll – lauter Klischees, mit denen man die lieben Verwandten als Zugereiste eintrug.

Unterlassen wurde es bei Rilke und Kafka, die lafür gelegentlich im Ausland als tschechische Autoren verbucht werden: bei Rilke, weil er nach reinlich lokalkolorierten Anfängen gleich ins Europäische aufbrach; bei Kafka, weil ihn zeitlebens kaum ein Mensch kannte.

österreichisch und Deutsch in der Literatur – ein Abstand, der keiner war, schien das tiefeingevurzelte Gewächs vom heimischen Boden zu trenlen; ein Gegensatz lag in der Luft, der sich durch Assimilation nur verschärfte. Heute ist das anders. Heute sind die beiden Literaturen identisch, denn der typische Österreicher ist aus dem Schrifttum ebenso verschwunden wie der typische Deutsche.

Der erste schiefe Seitenblick traf die österreichische Literatur, als sie sich anschickte, einen Platz neben Goethe und Schiller mit Grillparzer in besetzen. Es gelang nicht recht, obwoh. die "Braut von Messina" nicht viel besser ist als die "Ahnfrau" und der "Bruderzwist im Hause Habs->urg" dem "Wallenstein" das Wasser reichen kann. ‚Weh dem, der lügt" ist zwar ebensowenig das deutsche Lustspiel wie "Minna von Barnhelm", aber niemand hat je herausgebracht, was das deutsche Lustspiel eigentlich ist, und heute haben wir andere Sorgen, aus dem Französischen und dem Englischen übersetzt.