Bemerkenswertes Aufsehen erregte ein Brief an die Adresse Grotewohls, der die Kulturpolitik der sowjetzonalen Funktionäre anprangert. Dr. Sigfried Asche, der bis zu seiner Flucht nach Westdeutschland Direktor der Wartburg-Stiftung in Eisenach war, hat diesen Brief geschrieben. Dr. Asche gebührt das Verdienst, die Wartburg vor dem Verfall gerettet zu haben, wobei er oft heftigem Widerstand der örtlichen Instanzen der Einheitspartei ausgesetzt war. Dr. Asche schildert hier die Schwierigkeiten, kleinen Schikanen und Erniedrigungen, die ihn schließlich zu seiner Flucht in die Bundesrepublik trieben. Als „Vergeltungsakt“ wurde jetzt sein wissenschaftliches Werk „Die Wartburg“, das in dem parteieigenen „Sachsenverlag“ erschienen ist, aus dem Handel gezogen. Der „Fall Asche“ steht als Beispiel für viele, die in der Sowjetzone unter dem System leiden müssen.

Nehmen Sie das Bild da weg, das hat doch hier nichts zu suchen!“, sagte Zonenministerpräsident Grotewohl im Jahre 1956 zu dem Wartburg-Direktor Sigfried Asche, als dieser eine Regierungsdelegation durch die wiederhergestellten Räume der Wartburg führte. Dr. Asche nahm das Bild ohne Zögern fort. Es war das Konterfei des Zonenpräsidenten Wilhelm Pieck – das im Vorraum an einer Stelle hing, die einst vom Bilde Adolf Hitlers geziert wurde.

Nach der Besichtigung hatte Grotewohl Dr. Asche anerkennende Worte für seine auf der Wartburg geleistete Arbeit gesagt und sich von ihm mit einem Händedruck verabschiedet. Als die Kolonne der Funktionärswagen hinunter nach Eisenach rollte, hatte sich einer der Verwaltungsangestellten, der der Wartburg-Stiftung von der SED aufgezwungen worden war, zu der Bemerkung verstiegen: „Nun, Doktor, werden Sie sich doch nie mehr die Hände waschen wollen!“ Asche hatte erwidert, daß er sich vorm Essen ja wohl doch die Hände waschen dürfe.

Asche war oft unbedacht gewesen, wenn er offen gegen Mißstände protestiert, wenn er die Kontrolle der Funktionäre über die Verwaltung auszuschalten versucht hatte, wenn er sich nicht in seine Sachen reinreden lassen wollte.

Er ist an sich kein politischer Mensch, dieser jetzt 54jährige Museumsmann und Denkmalspfleger. Aber wenn es sich um die Wartburg handelt, wird er beredt, wird er leidenschaftlich. Er ist ein Mann voller Humor, nervös, sensibel, vielleicht mehr noch Künstler als Gelehrter – wie es wohl zu dem nachschaffenden Beruf des Restaurators gehört. Sein freundliches Wesen hatte ihm geholfen, die größten Schwierigkeiten zu überwinden.

Jahrelang hatte er den Kampf gegen die Materialengpässe geführt. Wurde Eisen gebraucht, dann hatte es vielleicht Holz gegeben, war Holz erforderlich, dann hatte vielleicht auf abenteuerliche Weise Eisen beschafft werden können; und war einmal beides da, dann hatte es plötzlich an der Erlaubnis gefehlt, die Materialien zu verbauen, weil die Soll-Zahlen im Kreise Eisenach schon überschritten waren.

Da waren die finanziellen Schwierigkeiten gewesen. Alle Arbeiten auf der Wartburg wurden ohne staatliche Unterstützung, nur mit den Eintrittsgeldern der Besucher finanziert. Wenn die Zonenbehörden ein Druckmittel brauchten, wurde gerade wegen dieser Eintrittsgelder, wegen der Einnahmen des Gasthofs auf der Burg, der immer noch bestehenden Eselführerei und wegen des Verkaufs von Postkarten und – nach Asches Entwürfen angefertigten – Andenken die Wartburgstiftung als „kapitalistisches Unternehmen“ eingestuft. Das bedeutete Entzug der zugestandenen Steuererleichterungen und Verurteilung zu unerfüllbaren Steuernachzahlungen und Strafen.