H. W., Kiel

Als der Untersuchungsausschuß des schleswigholsteinischen Landtages, der sich mit dem Fall Heyde-Sawade befaßt, eine zweite öffentliche Sitzung beendet hatte, saßen etliche Zuhörer mit betroffenen Gesichern da. Was in dieser mehrstündigen Verhandlung berichtet, erfragt und ausgesagt worden war, hatten nicht alle erwartet. Vor allem hatten sie nicht damit gerechnet, daß es in Flensburg – und nicht nur in Flensburg – eine ganze Reihe von Ärzten gab, die genau um die Identität zwischen dem Flensburger Nervenarzt Dr. Fritz Sawade und dem Würzburger Euthanasieprofessor Dr. Werner Heyde wußten.

Fünf Ärzte standen am vergangenen Donnerstag dem Untersuchungsausschuß des Landtages Rede und Antwort. Vier von ihnen waren aus Flensburg. Der fünfte war der frühere Leiter der Gesundheitsabteilung des schleswig-holsteinischen Innenministeriums, Dr. Heigl, gegen den ein Verfahren wegen Begünstigung schwebt. Alle fünf wußten mehr oder weniger um die Identität. Dr. Heigl freilich will erst am 4. und 5. November 1959 davon erfahren haben, zu einem Zeitpunkt also, als die "Bombe kurz vor dem Platzen war". Der Heiligenhafener Arzt Dr. Knolle allerdings blieb bei der Behauptung, er habe Dr. Heigl bereits früher darüber unterrichtet.

Noch merkwürdiger war das Verhalten des Rendsburger Amtsarztes Dr. Ostertun, der – im Gegensatz zu Dr. Heigl – sein Amt weiter ausübt. Dr. Ostertun hatte sich für den Euthanasieprofessor eingesetzt. Einmal dem Flensburger Amtsarzt Dr. Hartwig gegenüber, als dieser Sawades Approbationsurkunde verlangte. Sawade/Heyde versprach sie zunächst. Als er sie nicht lieferte, wurde noch einmal gemahnt. Das war Anfang November des vergangenen Jahres. Am 4. November klingelte beim Obermedizinalrat Dr. Hartwig das Telephon. Am anderen Ende war der Rendsburger Amtsarzt Dr. Ostertun. Er erklärte, er habe mit Dr. Sawade zusammen im Internierungslager gesessen und könne sich dafür verbürgen, daß dieser eine Urkunde besitze. Dr. Hartwig gab sich damit zufrieden. Neben Ostertun am Kaffeetisch saß während des ganzes Gespräches der Mann, um den sich alles drehte: Professor Heyde. Am selben Tag fuhr der Rendsburger Amtsarzt auch noch nach Kiel, um sich hier für seinen wegen Euthanasieverbrechens gesuchten Kollegen zu verwenden. Ostertun habe, so sagte Dr. Heigl, ihn aufgesucht und an sein Offiziersehrenwort appelliert...

Nicht minder merkwürdig war auch das, was der Flensburger Arzt und Leiter der sozialmedizinischen Klinik der Landesversicherungsanstalt in Flensburg, Dr. Delfs, sagte. Ihm hatte Heyde schon 1952 – der ehemalige Euthanasieprofessor war damals gerade Gutachter bei der LVA geworden – sein Herz ausgeschüttet und "alles erzählt". Heyde habe allerdings erklärt, bei der LVA, beim Oberversicherungsamt, ja sogar bei der Staatsanwaltschaft wisse man von dem Tarnnamen. Dr. Delfs fühlte sich durch diese Erklärung beruhigt. Er hielt es auch nicht für nötig, diese Angaben nachzuprüfen. Im übrigen wäre er sich wie ein Denunziant vorgekommen, wenn er es getan hätte.