Dichterische Kritik ist oft schlechte, verschwommen unzulängliche Kritik, weil der Kritiker der Versuchung erliegt, seine eigenen dichterischen Fähigkeiten zur Schau zu stellen. Wer deshalb oder wegen des Titels das kleine Bändchen von

Wieland Schmied: "Das Poetische in der Kunst"; Verlag Glock und Lutz, Nürnberg; 154 S., 7,50 DM

links liegen ließe, der hätte sich selbst beraubt und um den Zugang zu einer Fülle von Gedanken und Informationen betrogen. Denn der Kritiker Wieland Schmied ist vor allem selbst ein Dichter, und das merkt man in jeder seiner tapferen Definitionen, auch dort, wo sie nicht so sehr aphoristisch vorstoßen wie philosophisch tief sind.

So schreibt er: "Das Poetische ist eine Wirklichkeit, die hinter der Kunst steht. Es ist nicht allein eine Sache der Literatur und nicht primär an die Sprache gebunden." Und einige Seiten, später: "Das Poetische ist das Vorletzte. Poetische Kunst stellt das Urbild in seiner irdischen Verstrickung dar. Sie versucht das Urbildhafte durchscheinen zu lassen, die Erscheinungen transparent zu machen. Aber sie empfindet so viel Liebe zur einmaligen Gestalt, daß sie von dieser nicht absehen kann und sie rühmend verklärt."

Aber außer einer Reihe von wichtigen Thesen, Definitionen und Betrachtungen findet sich hier, mit ebensoviel Wissen wie Kunstsinn gesammelt, eine Unmenge von wesentlichen und auch dem gutinformierten Leser sonst meist unbekannten Zitaten und Mitteilungen. Novalis, Feininger, Eliot, Caspar David Friedrich, Juan Ramon Jiménez und viele andere mehr. Wo Gedichte zitiert werden, dort finden sich die Texte im Anhang, so daß das Buch zugleich eine winzige Anthologie mit vierzehn Gedichten ist, die gleicherweise Genuß und Stoff zum Nachdenken gewähren.

Aber auch wo bekannte Dichter zitiert werden, wie Thomas Mann, ist doch das, was zitiert wird, nicht immer allgemein bekannt, wie zum Beispiel diese höchst wichtige Stelle aus einem Brief an Karl Kerényi: "...tatsächlich ist Psychologie das Mittel, den Mythos den fascistischen Dunkelmännern aus den Händen zu nehmen und ihn ins Humane umzufunktionieren

Die Titel der vier Essays, die den größten Teil dieses Buches bilden, sprechen schon einigermaßen für sich selbst. Sie lauten: "Was ist poetisch?" – "Mythos und Dichtung" – "Das Poetische in der modernen Malerei" – "Der Weg von Unklaich nach China". Dieser letzte Aufsatz, der an die gleichnamige Zeichnung von Paul Klee anknüpft und zwischen ihm und Caspar David Friedrich ebenso interessante wie bisher unbeachtete Parallelen zieht, gehört zu den besten und gescheitesten zeitgenössischen Essays über Kunst. Weil es Wieland Schmied vor allem darum zu tun ist, sein eigenes Verständnis und dadurch auch unseres zu vertiefen, stehe hier statt des reichlich verdienten Lobes ein Wort von Friedrich, dessen Kenntnis ich Wieland Schmied verdanke: "Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht. Sieht er aber nicht; in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht." Der Autor dieses Buches sieht ungefähr ebensoviel vor sich wie in sich. Das gibt dem kleinen Werk sein Gleichgewicht.

Erich Fried