Von Arno Schmidt

Ich ging damals hin, wie ich zu allen Auktionen gehe: nicht um zuzusehen, wie Mutters Wintermantel und Überschuhe versteigert werden (und hinten in der Ecke erkennt man genau das graue schluchzende Gesicht der Tochter – nicht Mörder nur werden nämlich immer wieder an den Tatort gezogen; auch die Armen); dann setzt sich woil eine dicke Person mit dreidoppeltem Unterkinn in den Korbsessel und bietet mit, indem sie mit der Regenschirmspitze halb die Luft vor "ihrer" Gegenständen anritzt; oder nutzlos alte Möbelchen werden vorher mehrfach laut als "Brennholz" bezeichnet, um den Preis zu drücken – wie gesagt, deswegen nicht. Ich brauche die Reste meiner Phantasie, um damit die wenigen Sachgebiete zu beheizen, die mich vor völliger Erstarrung bewahren: ich gehe hin wegen der Bücher.

Bücher sind immer meine große Leidenschaft gewesen. Nicht diese neuen, grell eingebundenen; aber wenn ich so ein Bändchen von 1850 anfaßte – leicht wie Federn sind die alten Dinger gegenüber unseren schwerpapierigen rauhen Tafeln – überkam mich stets etwas von dem Geiste des Alten, längst Ausgestorbenen, der sich da monate- und jahrelang um irgendein (heute absurdes) Problem gemüht hatte. Wie unwillig war ihm der Mund im Gesicht herum geglitten, wenn ihn spätabends die Frau vom Schreibtisch abrief – und er mußte doch nächsten Morgen wieder im strammen Büro sein! Was hatten die alten Männer gearbeitet! (Bald würde auch ich einer sein; triefherzig, mit zähem Ideengewackel, fingerschläuchig, ein weißer Greis, gack, gack)!

Also die Bücher.

Ich war mit meiner Frau hingegangen und sah bereits von ferne das abgewetzte Regal, und den hageren Alten, der davor lungerte. Konkurrenz muß man wittern und hassen. Witterte und haßte ich also den kleinen Dürren, und sah ihn von oben an: ich bin zwei Meter groß und kann das sehr.

Er erwiderte mit giftigen Blicken von unten den Guerillakrieg; schob sich aber (sein Interesse zu verbergen?) langsam beiseite.

Mist. Ziemlicher Unfug zuerst. Billige Sachen; das heißt solche, um die sich ein Geist, durchs Alter historisch geworden, gar nicht mehr kümmert. Das Leben ist so kurz! Selbst wenn Sie ein Bücherfresser sind, und nur fünf Tage brauchen, um ein Buch zweimal zu lesen, schaffen Sie im Jahre nur siebzig. Und für die fünfundvierzig Jahre, von fünfzehn bis sechzig, die man aufnahmefähig ist, ergibt das dreitausendeinhundertfünfzig Bände: die wollen sorgfältigst ausgewählt sein!