Von Günter Blöcker

Bemerkenswerter als der Inhalt mancher Bücher sind die Umstände und die Geschichte ihrer Wirkung. Noch ehe die deutsche Ausgabe der Memoiren von

Alma Mahler-Werfel: "Mein Leben"; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 376 S., 16,80 DM

auf dem Markt war, konnte der Verlag zehntausend vorbestellte Exemplare notieren. Eine jähe Welle später Mahler-Begeisterung? Oder eine unerwartete Aufwertung des schon ein wenig vergilbten Ruhms von Franz Werfel? Raum. Eher schon ein mit Sensationslust gemischtes Verlangen nach einer Kultur- und Sittengeschichte aus erster Hand. Am Ende aber doch wohl noch etwas anderes und durchaus Ehrenhaftes: die Sehnsucht nach jenen Romanen, die das Leben schreibt, nach einer starken, selbstversorgerisch üppigen Persönlichkeit, die in solchen Romanen noch den Sina ihrer Existenz sehen und sich ihnen vorbehaltlos hingeben konnte.

Es wäre ein billiges Vergnügen, über dieses Buch ironisch zu schreiben. Die Schwächen der Verfasserin und ihrer Schriftstellerei liegen allzu sehr am Tage: ihre zuweilen groteske Überheblichkeit ("Ich bitte mich hiermit um Verzeihung, daß ich Ihnen die Hand gegeben habe"), ihr Kulturdünkel, ihre anmaßende Halbbildung, ihre Sucht des Urteilens und Verurteilens, wo gar kein Urteil verlangt wird, sondern Darstellung. Dazu eine sie allerdings zur Gattin Werfels prädestinierende Anfälligkeit für jede Art von Opernpathos und sentimentaler Phrasenhaftigkeit; ein koketter Anti-Intellektualismus, der nicht einmal vor den Halbgott Mahler haltmacht; und ein Rassenhochmut, der sich im Munde der Lebensgefährtin Gustav Mahlers und Franz Werfels doppelt befremdlich ausnimmt.

Demgegenüber stehen jene einzigartigen Qualitäten, die die Verfasserin berühmt gemacht haben und die auch ihre Aufzeichnungen aus der Sphäre des Exhibitionismus und der platten Indiskretion in den Rang eines Dokuments von überpersönlichem Wert heben. Es sind die Qualitäten einer vitalen Natur, einer überschüssigen weiblichen Substanz, die ihre Strahlungs- und Anziehungskraft an einer erstaunlichen Zahl von Genies und Halbgenies der ersten Jahrhunderthälfte bewährt hat Die Autorin war ja nicht nur die Ehefrau vor Mahler, Walter Gropius und Werfel, nicht nur die Freundin Oskar Kokoschkas – sie wurde auch verehrt und begehrt von Gerhart Hauptmann und Hans Pfitzner, ganz zu schweigen von Sternen kleinerer Ordnung wie Max Burckhard. Ihre Weiblichkeit entfaltete sich an Geist und Künstlertum, wo immer sie beides zu spüren glaubte. Das Talent der anderen war ihr Lebenselixier. Die Liste der illuminierten Geistesfreundschaften reicht von dem narzißhaften Gnom Ravel bis zu Thornton Wilder und Erich Maria Remarque, dem sie als 63jährige begegnet.

Das alles könnte nach genieverschlingender Selbstsucht aussehen, nach einer jener Salonsirenen, die geistige Zelebritäten zu sich nehmen, wie andere ihre Vitamintabletten; und ganz gewiß sind die kunstfeudalen Allüren der Autorin nicht frei von snobistischer Geisteslüsternheit und einem schlichten, ins Geistig-Künstlerische transferierten Gesellschaftsdünkel. Doch das ist nur die unansehnlichere Hälfte der Wahrheit. In seinem noblen, schonungsvollen Vorwort betont Willy Haas den ständigen Kampf, den Almas freiheitsdurstige und selbstbewußte Natur mit sich selbst zu kämpfen hatte und den sie immer wieder gegen sich selbst und für den Mann entschied, dessen Ausnahmenatur sie sich unterwarf. Das große Wort von einem Dienst an den Talenten, von denen sie sich jeweils psychisch wie physisch sowohl begeistert als auch bedrängt fühlte, ist nicht zu hoch gegriffen. Alma Mahler-Werfel empfand sich als Dienerin, und die Zeugnisse der Männer, denen sie nahestand, bekunden, daß sie es tatsächlich war. Die Widmungen Gustav Mahlers, die eruptiven Briefe Kokoschkas ("Du mein guter Geist!") und die beinahe segnenden Wendungen Werfels lassen unzweideutig erkennen, welches Maß an Auftrieb, aber auch an Sicherheit und Ruhe sie alle – und nicht nur sie – von dieser Frau empfangen haben.