Von Werner Ross

In den letzten leben- und literaturschäumenden Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war Robert Walser in einschlägigen Kreisen schon so berühmt, daß der junge Musil bedauernd meinte, der junge Kafka segle zu sehr in Walsers Kielwasser. "Es ist mein Unbehagen bei Kafkas erstem Buch ‚Betrachtungen‘, daß es wie ein Spezialfall des Typus Walser wirkt..." Besser, meinte Musil, sei es, wenn Walsers Sonderart eine solche bliebe. Kafka war längst tot, als sein Ruhm in alle Weltgegenden drang; Walser starb erst 1956, vergessen nach langen Wahnsinnsjahren. Nun versucht ihn ein Auswahlband der Bibliothek Suhrkamp, von Walter Höllerer herausgegeben, wieder zum Leben zu erwecken –

Robert Walser: "Prosa"; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 215 S., 4,80 DM.

Walsers Sonderart besteht zunächst darin, daß er "Kleine Prosa" schreibt, eine Gattung, die in Deutschland, dem Land solider Genüsse auch im Literarischen, nie recht zu Ehren gekommen ist. Kleine Prosa ist statisch, sie will nirgendwohin, weder zu einem Happy-End noch zu metaphysischen Lösungen. Ganz bescheiden könnte man sagen, es seien Schreibübungen; drückt man es feiner aus, wird von Kabinettstücken der Schilderung die Rede sein. Typen und Situationen werden gezeigt: der Dichter, der Tänzer, der Doktor, der Hanswurst, die Haushälterin, die Eisenbahnfahrt, der Spaziergang, die Mittagspause, der Traum, der Kuß, der Reigen, das Lachen, das Klopfen. Dazwischen eingemischt "zwei kleine Märchen", "vier Späße", "zwei sonderbare Geschichten".

Aber wozu denn Haushälterinnen- und Hanswurstporträts? Und warum Themen, deren Überschriften so fatal nach Schulaufsatz klingen? Nun, erstens steckt in jeder Porträtskizze sozusagen eingewickelt eine Geschichte; die Haushälterin zum Beispiel ist die eines Dichters und hat es mit diesem. Und zweitens sind Dichter ja dazu da, das, woraus die übrige Menschheit Schulaufsätze fabriziert, unversehens in Poesie zu verwandeln.

So fängt etwa der Spaziergang des Robert Walser an: "Ich habe einen wohligen, kleinen, appetitlichen Spaziergang gemacht, leicht und angenehm wickelte er sich ab. Ich ging durch ein Dorf, dann durch eine Art von Hohlweg, dann durch einen Wald, dann über ein Feld, dann wieder durch ein Dorf, dann über eine eiserne Brücke, unter welcher der breite, sonnige, grüne Strom vorüberfloß, dann den Strom langsam entlang und so fort, bis es Abend wurde."

Schon auf der Volksschule haben wir gelernt, daß man in einem Aufsatz nicht zu häufig "dann" brauchen darf, und hier steht’s gleich sechsmal hintereinander. Wie raffiniert, dieser "Fehler"! Nach dem Aperitif des ersten Satzes geht es scheinbar ganz trocken-sachlich zu, bis in die Aufzählung hinein, in den Trott des Spazierengehens. Jetzt kann der Vorhang weggezogen werden vor der Herrlichkeit der Welt: "Die kleinen Dorfkinder sagten gar wunderschön aus dem zunehmenden Abenddunkel heraus guten Abend." Oder etwa diese Beschreibung eines Marktes: "Die Sonne, die sonst hier herum herrisch und träge liegen kann, hat heute zu springen und zu blitzen, sozusagen zu fuchteln, denn jedes bewegliche Ding, das hier herumrührt, jeder Gegenstand, jeder Hut, jede Schürze, jeder Topf, jede Wurst, alles will angeblendet sein. Würste, im Sonnenschein gebadet, sehen prächtig aus. Das Fleisch prahlt und prunkt von den Haken, an denen es hängt, stolz und purpurrot herunter. Das Gemüse grünt und lacht, Apfelsinen scherzen in prachtvoll gelben Mengen, Fische schwimmen in breiten wassergefüllten Kübeln." Las ist kleine Prosa, das Glück, die Welt in Worte zu fassen.