Zwei amerikanische Wissenschaftler haben in diesem Jahr die Nobelpreise für Physik und Chemie erhalten: Der Chemiker Professor Dr. Willard A. Libby und der Physiker Donald A. Glaser, Beide gehören dem Forscherstab der Universität Kalifornien an.

Libby, heute einundfünfzig Jahre alt, entwickelte in den Jahren 1946 – 1949 jene nun preisgekrönte Methode, mit der es erstaunlich genau gelingt, das Alter fossiler Pflanzen und Tiere sowie bestimmter archäologischer Funde mit Hilfe ihrer Radioaktivität zu bestimmen. Sein Verfahren macht sich die Tatsache zunutze, daß ein kleiner Teil der Stickstoff-Atome in der Erdatmosphäre durch die kosmische Höhenstrahlung in ein radioaktives Kohlenstoff-Isotop umgewandelt wird. Die so entstehenden "C 14"-Atome gehen Verbindungen ein und werden (beispielsweise mit der Kohlensäure) von den Körpern der Pflanzen und Tiere aufgenommen. Stirbt ein Tier oder eine Pflanze, so gelangt auch keins dieser Atome mehr in seinen Organismus; zugleich beginnt die "Kohlenstoffuhr" zu laufen. Nach und nach zerfallen die C 14-Atome, und zwar mit bekannter Geschwindigkeit. Nach rund 5600 Jahren hat sich jeweils die Hälfte von ihnen "verzehrt", und schließlich sind sie ganz verschwunden.

So kann man Torf, altes Holz, Tier- und Pflanzenfossilien, auch alte Lederteile oder Papyrusfunde auf ihr Alter prüfen, indem man einfach den Geigerzähler benutzt. Der Grad ihrer Radioaktivität zeigt den "Sterbetag" der betreffenden Organismen an.

Libbys Methode hat es ermöglicht, die erstaunlichsten Daten zu ermitteln. Da seine "Uhr" fünfzig-, ja siebzigtausend Jahre laufen kann, erfaßt sie nahezu die gesamte menschliche Vergangenheit auf unserem Planeten, darunter sehr genau die letzte Eiszeit. Dank methodischer Verbesserungen fand man zum Beispiel mit einer Fehlergrenze von nur einem Promille, daß der Höhepunkt der letzten ("Würm"-) Eiszeit nicht vor 20 000 Jahren, sondern vor 11 000 Jahren gewesen sein muß. Einen Mammutbaum, dessen Jahresringe ein Alter von 2928 Jahre auswiesen, erkannte der Geigerzähler als um 77 Jahre älter. Schließlich gelang Libby die Glanzleistung, das Baujahr eines Totenschiffes aus dem Grabe des ägyptischen Königs Sesostris III auf 3621 Jahre zurückzudatieren.

Professor Glaser, der den Physik-Nobelpreis erhielt, ist erst 34 Jahre alt. Seine preisgekrönte Arbeit, die Erfindung der sogenannten "Blasenkammer", hat tiefere Einblicke in die Geheimnisse der Materie ermöglicht, als dies noch vor wenigen Jahrzehnten vorstellbar schien. Glasers Blasenkammer erlaubt es, Elementarteilchen zu studieren, die im Atomkern vorkommen.

Man vermutet heute, daß Protonen und Elektronen, die Hauptbausteine eines Atoms, nicht die letzten Materie-Einheiten darstellen, sondern ihrerseits eine Struktur besitzen. Nach jüngsten Forschungsergebnissen, die Professor Hofstadter von der Stanford-Universität angestellt hat, läßt sich zum Beispiel das Proton, der Baustein des Atomkerns, als eine "diffuse magnetische Wolke" denken, die von einer "harten Schale elektrischer Ladung" umgeben ist. Wesentlich für die magnetische Wolke ist nach Hofstadter ein "Schwarm von Mesonen", also Elementarteilchen, die anscheinend den "Kitt" zwischen den übrigen Bestandteilen des Atomkerns darstellen. Man kennt heute mehr als dreißig dieser Elementarteilchen, die oft nur Bruchteile von Millisekunden lebensfähig sind und dann zerfallen.

Man weiß, daß die Bestandteile des Atomkerns in geheimnisvoller Wechselwirkung stehen, daß es starke "Kernkräfte" gibt, die bei der Kernspaltung frei werden, und daß es höchst komplizierter Berechnungen bedarf, alle diese Dinge in mathematische Formeln zu fassen – anschaulich darstellen lassen sie sich sowieso nicht mehr. Wir sind hier mitten in jenem Reich, wo nach Einsteins Theorie Materie zu Energie werden kann und umgekehrt, Vorgänge, die noch immer zu den größten Rätseln unserer Welt zählen.