In Moskau, wo sich die Parteiführer des Ostblocks zum 43. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution versammelt haben, wird nicht nur gefeiert. Hinter der prächtigen Kremlkulisse wird hart um die ideologische Einheit der kommunistischen Welt gerungen: Der Riß zwischen Peking und Moskau, der im Juni bei dem östlichen Gipfeltreffen in Bukarest nicht geschlossen werden konnte, soll endlich verkleistert werden.

Erstmals war jener Riß im April 1960 für alle Welt sichtbar geworden, als Mao Tse-tung bei den Leninfeiern Chruschtschows Thesen über die Vermeidbarkeit von Kriegen und die Notwendigkeit der Koexistenz zwischen Staaten mit unterschiedlicher Gesellschaftsordnung als revisionistische Irrlehren verketzerte. Die Kontroverse ist seitdem in einem Ping-Pong-Spiel mit Lenin-Zitaten erbittert fortgeführt worden. Sie erreichte ihren Höhepunkt, als Mao zu den chinesischen Revolutionsfeierlichkeiten einen Band mit vielen bisher unveröffentlichten Schriften aus seiner Feder erscheinen ließ, in denen die ideologische Anklage gegen Moskau noch einmal massiv zusammengefaßt war.

Inzwischen scheint ein sowjetisch – chinesisches Schiedsgericht wenigstens die Sprachregelung für einen Kompromiß ausgearbeitet zu haben. An dessen endgültiger Formulierung feilen jetzt die Teilnehmer des kommunistischen Konzils im Kreml.

Man wird den Wortlaut dieses Manifests abwarten müssen, ehe man sagen kann, wer in dem ideologischen Tauziehen Sieger geblieben ist. Chruschtschows Ausgangsposition ist stärker als im April. In der Zwischenzeit hat er das Pariser Gipfeltreffen torpediert und sich vor der UN in New York ein revolutionäres Alibi erpoltert; die Temperatur der Koexistenz ist dank seiner Rüpeleien um so viele Grade kälter geworden, daß Mao sich zunächst zufriedengeben mag. Aber man sollte dennoch die säuselnden Töne, die jüngst aus Peking zu vernehmen waren, nicht überbewerten. Wenn Mao wieder pathetisch die "Einheit des sozialistischen Lagers unter der Führung der Sowjetunion" anerkennt, so besagt das noch lange nicht, daß er sich auch der Führung Chruschtschows beugt. Und wenn er abermals betonen läßt, die Weltrevolution sei kein Exportartikel – nun, das stand auch schon in dem Lenin-Gedenkartikel vom April. Wird Chruschtschow die "Wenn" und "Aber" übersehen können?

Es geht in Moskau nicht nur um ideologische Quisquilien, nicht nur um die Frage, wer eigentlich "Papst" ist in der vom Schisma bedrohten kommunistischen "Kirche" – der gegenwärtige Palastwächter im Kreml oder Mao, der Revolutionär erster Generation. Es geht vor allem darum, wer die Bewegung in den nächsten Jahren führen wird – und auf welchen Weg er sie führen wird.

Die Methode Chruschtschows ist die Stalins: statisch, vorsichtig, die Verlustchancen sorgsam abwägend gegen die Gewinnaussichten. Die Methode Maos ist die Trotzkis: dynamisch, blinddraufgängerisch, unbekümmert um Risiken – gefährlich. Krieg? Atombomben? "Wir sind dagegen", sagt Mao, "aber wir haben keine Angst." Chruschtschow hat wenigstens Angst... Th. S.