Vieles wurde, sowohl in Ihrer Zeitung wie auch in der übrigen deutschen Presse, über die Atombewaffnung Frankreichs geschrieben. Gewiß sind die gegen diesen Schritt angeführten Einwendungen ernst, aber ebenso schwerwiegend fallen auch die hier nur in Kürze angeführten Gegenargumente in die Waagschale:

Ohne durch das atomare Ultimo ratio abgedeckt zu sein, kann kein Staat mehr eine eigene Strategie und infolgedessen auch keine unabhängige Außenpolitik haben. Natürlich hörte Frankreich auf, eine Weltmacht im früheren Sinne zu sein. Trotzdem hat es noch immer wichtige Interessen zu schützen, die außerhalb des Bereiches des Atlantischen Paktes liegen. Würde sich westliche Solidarität auch auf den Schutz überseeischer Interessen beziehen, dann könnte man auf eigene Atomwaffen "á la rigueur" verzichten.

Für uns in Paris ist es seit langem klar, daß sich das Schicksal ganz Europas nicht hinter dem Eisernen Vorhang, sondern zwischen dem Persischen Golf und der atlantischen Küste Marokkos entscheiden wird. Ohne eine sehr energische Politik wird es uns kaum gelingen, die kommunistische Infiltration mancher nun "frei" gewordenen farbigen Länder zu verhindern. Atomwaffen sind unerläßlich, um sich politisch zu decken – um nicht im Notfall von den eigenen Verbündeten im Stich gelassen zu werden.

Die Suez-Affäre und andere Ereignisse der letzten Jahre deuten darauf, daß eine Atommacht kaum je ihre Kernwaffen zum Schutz der Interessen Nichtatomarer einsetzen wird, weil das Risiko der unvermeidlichen Vergeltung viel zu groß wäre. Folgt nicht daraus, daß es stets die Atomaren sein würden, die darüber entscheiden, was verteidigt werden soll, wodurch die Nichtatomaren den völlig unberechenbaren Reaktionen der Atomaren ausgeliefert sind. "My war is your war, but your war is not necessarily my war!" – Dieser Spruch müßte eigentlich auf der NATO-Fahne stehen.

Ein Atomarsenal kann nicht von einem Tag zum anderen hervorgezaubert werden. Seine Errichtung dauert schätzungsweise zehn Jahre, und in dieser Zeit kann viel geschehen. Man möge über die einigen Atombömbchen Frankreichs noch so lachen, wie bei vielen Dingen muß man auch hier natürlich klein anfangen. Die Erweiterung des Atomklubs liegt im Zuge des unaufhaltsamen technischen Fortschritts. Je früher man anfängt, um so besser. Daher die Gefahr, überholt zu werden.

Alle Pläne bezüglich doppelter Kontrolle auf fremdem Staatsgebiet gelagerter Sprengkörper oder die Schaffung eines der NATO direkt unterstellten Atomarsenals sind unnatürliche Lösungen von provisorischem Wert.

Ferdinand Otto Miksche (Lt. Col.) Officier de la Legion d’Honneur, Paris