Der österreichische Kapitalmarkt wurde in der Nachkriegszeit, genauer gesagt seit der Stabilisierung des Schillings (1953), ganz überwiegend vom Staat und den Elektrizitätsunternehmungen in Anspruch genommen; mit kleineren Emissionen sind der Wohnhaus-Wiederaufbaufonds und die Städte und Länder zum Zuge gekommen. Die ganz seltenen Aktienemissionen und Anleihen der Privatindustrie fallen daneben überhaupt nicht ins Gewicht. Den Rekord brachte das Jahr 1959 mit einer Begebung von 4,8 Mrd. Schilling Anleihen einschließlich der Pfandbriefe und Kommunalobligationen, während man in diesem Jahr bei etwa 3 Mrd. halten wird und soeben mit der Bundesanleihe 1960 ein ausgesprochenes Fiasko erlebt hat, denn vom Emissionsbetrag von 1,5 Mrd. ist die gute Hälfte bei den Banken liegengeblieben.

Als Eisbrecher hatte man 1953 Energieanleihen mit Staatsgarantie und, was das Wesentliche war, einer Wertsicherung auf Grundlage der Strompreise aufgelegt. Diese Wertsicherung ist indessen auch bereits einmal zum Zuge gekommen, und dies erklärt die hohe Notierung dieser Ausnahmeanleihen, wie sie in der Übersicht zum Ausdruck kommt.

Später hat man einen durch die ganzen Jahre hindurch sehr wirksamen Impuls durch Steuervorteile gegeben. Selbständige können ein Zehntel ihres steuerpflichtigen Jahreseinkommens steuerfrei machen, wenn sie für den Gegenwert je genau zur Hälfte Bundesanleihen und Anleihen der Elektrizitätswirtschaft kaufen und bis zum Tilgungstag behalten. Für Arbeiter, Angestellte, Beamte, Pensionisten und Rentner ergibt sich bis zu einer Zeichnung von 50 000 S im Jahr je Einkommensträger ein Steuervorteil von 15 vH, d. h. man zahlt bis zu diesem Grenzbetrag 850 S je 1000 S Nennwert. Naturgemäß wurde vor allem von den Unternehmen dieser Vorteil in großem Ausmaß wahrgenommen, während für Lohn-, Gehaltsempfänger usw. die Begünstigung mehr den Charakter der ausgleichenden Gerechtigkeit hat, aber kaum für die Emittenten wesentliche Beträge bringt.

Die Anleihen von 1958 und die erste Anleihe 1959 waren bei 7 vH Verzinsung und solcher Steuervorteile also für den Inländer sehr interessant; sie wurden aber auch von deutschen Erwerbern gern gekauft, solange ein Zinsgefälle zu deren Gunsten bestand. Nach der Herabsetzung der österreichischen Bankrate von 5 auf 4 1/2 vH ab 23. April 1959 hatte man eine 6 1/4prozentige Bundesanleihe 1959 aufgelegt und war auch mit kleineren 6prozentigen Hochwasserschäden-Fondsanleihen herausgekommen. Die Zeit des billigen Geldes währte aber nicht lange, da ab 17. März 1960 die Bankrate wieder auf 5 vH heraufgesetzt wurde und, wie schon gesagt, auch die diesjährige Bundesanleihe mit diesem Satz verzinst und bei 99 1/4 vH begeben wurde. Seit indessen auch das Zinsgefälle gegenüber der Bundesrepublik aufgehört hat, ist ein Interesse für österreichische Anleihen kaum mehr festzustellen.

Die Gleichmäßigkeit der Ausstattung mag mit zur Ermüdung des Publikums beigetragen haben, wie sie jetzt bei der Bundesanleihe 1960 feststellbar war. Es hat aber auch an der Marktpflege und erst recht an einer Kurspflege gefehlt. Die Landeshypothekenbanken haben ihren Pfandbriefen und Kommunalobligationen jedenfalls mehr Aufmerksamkeit gewidmet als die größeren Emissionskonkurrenten.

Erst im Juli 1960 ist eine große Bank mit einem neuen Papier auf den Markt gekommen, und zwar mit Kassenobligationen, die bei einem Begebungskurs von 99 vH und einer Laufzeit von zwei Jahren 4 3/4 vH tragen und bei fünf Jahren Laufzeit mit 97 vH Begebungskurs mit 5 1/2 vH verzinst werden. Der Erlös der Kassenobligationen wird von der Bank in Betriebsmittelkrediten angelegt. Die österreichische Kontrollbank wird auch Kassenobligationen für längerfristige Exportkredite ausgeben.

Schien es bis vor kurzem, als würde man mit 7 vH Zinsen und den erwähnten Steuervorteilen den Kapitalbedarf von Bund und Energiewirtschaft decken können (eine Energieanleihe 1960 wurde eben neuaufgelegt), so steht man jetzt vor einer recht bedenklichen Situation. Es scheint, als würden die Abschreibungen bei weitgehender Bewertungsfreiheit im Zusammenhang mit den Investitionen bei den meisten Unternehmen zur steuerlichen Neutralisierung hoher Betriebserträge ausreichen. Es ist wahrscheinlich, daß bis zum Bilanzstichtag noch Nachzügler für die Bereinigung von Gewinnspitzen auf den Bankenvorrat an neuen Anleihen zurückgreifen werden, aber an dem geänderten Trend wird das kaum viel ändern. Dabei ist der Bund in einer sehr prekären Lage, denn es gelingt ihm nur schwer, seine kurzfristigen Verpflichtungen immer wieder zu prolongieren. Der Finanzminister war noch im Sommer so optimistisch, eine Überzeichnung seiner Anleihe zu erwarten, und wollte damit die kurzfristige Schuld konsolidieren.