Von Theo Sommer

Amerikas Wahlurlaub von der Weltgeschichte ist beendet, die Vereinigten Staaten haben wieder einen Präsidenten: John F. Kennedy.

Der neue Mann wird zwar erst am 20. Januar auf sein neues Amt eingeschworen werden, aber seit Mittwochmorgen gilt in Washington sein Wort. Dwight D. Eisenhower regiert in den zweieinhalb Monaten, die ihm verblieben, nur noch vom Altenteil des Weißen Hauses aus: als "lahme Ente", wie es der slang der amerikanischen Politik grausam-treffend nennt. Kennedy wird in den nächsten Wochen seine Kabinettsliste zusammenstellen; seine Mitarbeiter schwärmen schon aus in alle Ministerien, Behörden und Büros, und sie werden an der Aufstellung des neuen Haushaltsplanes bereits entscheidenden Anteil haben. Ein frischer Wind erhebt sich über dem Potomac – ein Wind, der bald auch anderwärts in der Welt zu spüren sein wird.

Vierzehn Wochen hat der erbitterte Zweikampf zwischen Nixon und Kennedy gedauert; jetzt also ist er endlich entschieden. Vierzehn Wochen lang standen die beiden jungen Politiker im Schein der Jupiterlampen und drängten den alten Ike ins Dunkel der Kulisse, aus der er nur gegen Ende noch einmal auftauchte, um sich als Nothelfer Nixons ins Wahlgetümmel zu stürzen. Bedenkt man es freilich recht, so ist nicht so sehr die Wahl des Jungen das Ereignis dieser Tage, nicht einmal der Wechsel der Partei im Präsidentenamt – es ist der Auszug des Alters. Mit der Wachablösung im Weißen Haus vollzieht sich eine Ablösung der Generationen. Siebzigjährig verläßt Eisenhower die Weltbühne: der erste jener Bruderschaft, die schon die Kommandohöhen des Zweiten Weltkrieges besetzt hielt und die nun seit einem Jahrzehnt die Geschicke dieser Erde lenkt.

Eisenhower dirigierte die alliierten Operationen gegen das Dritte Reich; Harold Macmillan diente als englischer Verbindungsmann in seinem Stab; Charles de Gaulle predigte seinem Frankreich von London aus Grandeur, Gloire und Résistance; Chruschtschow wurde im Schmelzofen der Ukraine-Front gehärtet. Sie alle teilen das Erlebnis der Kriegsführung, und sie teilen auch die Enttäuschung der Nachkriegszeit: Stalin ist ihnen allen zum Schicksal geworden – auch dem Kanzler Konrad Adenauer, der nach Kriegsende in den westlichen Führungskreis aufrückte.

Jetzt geht der erste jener Staatsmänner, die ihre Führungsschule im letzten Kriege absolvierten. Die übrigbleiben, wirken auf einen Schlag alt im Vergleich zu dem 43jährigen Kennedy, der damals als Marineoffizier diente: Macmillan ist 66 Jahre alt, de Gaulle 70, Chruschtschow 66, Mao Tse-tung 67, Adenauer steht garan der Schwelle zum 86. Lebensjahr. Nehru zählt 71 Jahre, Tschiang Kai-schek 73, Franco 68 ...

Die Zeit der alten Männer, der großen alten Männer, neigt ihrem Ende zu. Als erste haben die Amerikaner den Generationenwechsel resolut vollzogen und einem Mittvierziger ihr Schicksal anvertraut. Der neue Präsident könnte den Jahren nach der Sohn des alten sein. Die Revolution der Jungen aber, die Machtübernahme jener Generation, die nach dem Kriege erst politisch mündig geworden ist – sie wird sich nicht aufhalten lassen. Amerika hat nur den Anfang damit gemacht, einer neuen Zeit neue Männer zu präsentieren.