Schicksale im Hotel Duna – Seite 1

Indro Montanellis Schauspiel vom Aufstand in Ungarn

Von Carola Eckert

Indro Montanelli, italienischer Journalist und Schriftsteller, den Lesern der ZEIT aus vielen Beiträgen bekannt, fuhr in den kritischen Tagen Ende Oktober 1956 nach Budapest: „mehr aus menschlichen denn aus ideologischen Gründen.“ Die Erfahrungen und Erlebnisse der unheimlichen Nacht vom 3. zum 4. November, die mit dem Beginn des Massakers endete, inspirierten ihn, sein erstes Schauspiel zu schreiben: „Die Träume sterben im Morgengrauen (Das war nämlich der Refrain des Liedes der ungarischen Widerstandskämpfer.)

Montanelli, der sich bisher auf dem Theater nur der leichteren, etwas klamaukhaften Muse gewidmet hatte, erweist sich mit diesem Stück als ernst zu nehmender Bühnenautor, der das dramaturgische Handwerk beherrscht und Charaktere zu zeichnen weiß. Er verzichtete darauf, ein politisches Drama zu schreiben, die Helden der einen oder anderen Seite zu idealisieren oder zu diffamieren. Das „Schisma des Kommunismus“, wie er den Ungarn-Aufstand benennt, die Stunden der Unsicherheit, Angst und Empörung wurden ihm zum Anlaß, die Bewußtseinskrise, die der Mensch in Augenblicken höchster Gefahr durchlebt, zu ergründen und festzuhalten.

Das Stück spielt in einem Zimmer unter dem Dach des Hotels „Düna“ in Budapest. Fünf italienische Journalisten sind hier zusammengepfercht: Andrea, der Korrespondent der bürgerlich-intellektuellen Zeitung; Alberto, der linientreue Kommunist; Sergio, der Kommunist auf Seiten der Widerstandsbewegung; Gianni, der alte, drittrangige Zeitungsschreiber, der sich mit einem sensationellen Bericht aus Budapest wieder eine bessere Position ergattern möchte; und Franco, der junge, zynische, auf „Schnappschüsse“ versessene Photoreporter.

Das Hotel ist Zentrum der Widerstandsbewegung. Ethel, die gealterte Sängerin, versieht den Telephondienst und versorgt die Eingesperrten. Anna, ihre Tochter, Studentin und aktive Widerstandskämpferin, erlebt in dieser Nacht ihr einziges Liebesglück mit Sergio, ehe sie zusammen den todbringenden Kampf gegen die russischen Panzer aufnehmen. Geweckt durch die Kanonade der rings um die Stadt aufgefahrenen Geschütze, setzt bei jedem von ihnen, gemäß der politischen Färbung und menschlichen Veranlagung, die Reaktion ein. Die Erregung zeitigt Bekenntnisse, Ausbruchsversuche, Selbstbetäubungsmanöver, Verführung zum Meinungswechsel, Bespitzelung und Aufopferung – bis die zehn lastenden Minuten des Ultimatums die Katharsis bringen.

Montanelli hatte lange nach einer Form für sein Theaterstück gesucht, bis er eines Tages „Die zwölf Geschworenen“ von Henry Fonda sah und die für seine Intention geeignete Struktur erkannte. Bis auf wenige, nicht ins Gewicht fallende Längen ist es ihm gelungen, den Zuschauer ebenso in die makabre Situation jener Nacht wie ins Räderwerk des Einzelschicksals zu versetzen.

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Da ihm an einer szenischen Verwirklichung ohne Verfälschung durch fragwürdige „Regieeinfälle“ lag, übernahm der Autor selber die Inszenierung der Uraufführung an Maner Lualdis Teatro Sant’Erasmo in Mailand. Er bewies mit dieser ersten Regieleistung (der in Kürze die erste Filmregie in Israel folgen wird) einen guten Theaterinstinkt auch bei der behutsamen Führung der Schauspieler und in der Phrasierung der Szenenfolgen und Dialoge.

Der Erfolg bei Publikum und Presse ist gleichermaßen stark, wenn es auch nicht ausbleiben kann, daß einige Rezensenten die kräftige Konturierung des linientreuen Alberto rügen und gegen seine Aussprüche („Um die Idee rein zu erhalten, muß man sich auch die Hände schmutzig machen können“) opponieren, vor allem aber gegen Albertos entsetzten Aufschrei am Schluß, wenn die Panzer vor dem Hause stehen und zu mähen beginnen: „Sie ermorden unsere Söhne!“