Von Thilo Koch

Washington, im November

Der bessere Mann hat gesiegt. John Kennedy, Jahrgang 1917, entwickelte in den letzten Wochen eine Form, die ihn an Richard Nixon, Jahrgang 1913, vorbeiführte – und weit über ihn hinaus. Mehr und mehr ist dies als Kennedys Natur, als seine Begabung zutage getreten: Das Vorauseilen und Überschauen, das Mahnen und Ringen, das Unterscheiden und Führen. Der Urgroßvater der Meinungsforscher, George Gallup, hatte am Tage vor der Wahl orakelhaft den letzten Stand verkündet: 49 Prozent für Kennedy – 48 für Nixon – 3 unentschieden. Aber er gab von vornherein zu, daß er sich um mehr als vier Prozent irren könne. Und das war genau der Anteil, der ausreichte, seine Voraussage praktisch unbrauchbar zu machen. Niemand hier in den Vereinigten Staaten kreidete es ihm an, denn jedermann sah, daß es kaum jemals so schwer gewesen war, einen richtigen Tip zu geben.

Gewiß, man war am Wahltage längst über die anfängliche Skepsis gegen beide hinausgekommen. Sie seien "Kühle Katzen", hatte es ja lange geheißen; Ingenieure der Macht, tüchtig und von Stromlinien-Stäben umgeben. Aber persönliches Profil hatten sie beide wenig. Moralische Impulse seien von ihnen kaum zu erwarten. Menschlich hätten sie nichts zu bieten.

Dieses Urteil oder Vorurteil bezog sich mehr auf den unbekannteren Senator aus Massachusetts als auf den Vizepräsidenten, den man zumindest als treuen politischen Adjutanten Eisenhowers schon kannte, den man nach seiner Moskauer Debatte mit Chruschtschow auch achtete. Dann aber zeichnete der große Fernsehdialog der beiden Kandidaten, vor allem Kennedys Bild deutlicher. Er hatte den harten und geschickten Streitredner Nixon durchaus nicht besiegt. Aber daß der überraschend nach vorn gerückte Mann der Demokraten überhaupt neben einem Nixon bestand, das sprach für ihn, das brachte ihm die Aufmerksamkeit des Volkes ein.

Beide hatten damit ein "Image" erlangt, ein unverwechselbares Bild ihrer Persönlichkeit im öffentlichen Bewußtsein. Worin sie einander ähnelten, das wußte man früh. Daß sie sich aber auch bedeutsam unterschieden, das wurde erst allmählich deutlich. Am Wahltage standen sich zwei Männer gegenüber, die Alter und Programm beide mit der Tradition der Eisenhower-Epoche brechen mußten.

Das galt offensichtlich für John Kennedy. Aber auch Nixon hatte ja Gedanken geäußert, die Amerika vorwärtsbringen sollten, vor allem außenpolitisch. Sein Vorschlag vom vorletzten Tage vor der Wahl war geradezu provokativ. Er wolle als Präsident alle Führer der Ostblockstaaten nach den USA einladen, dafür sollten Eisenhower, vielleicht auch Truman und Hoover, eine "Good-Will-Tour" in die Länder hinter dem Eisernen Vorhang unternehmen ...