Zu hohe Lasten – Aber die Reform hat bereits begonnen

Von Erwin Topf

Wer in Deutschland einen bestseller geschrieben hat, kann eigentlich nichts Besseres tun, als möglichst bald ins Ausland überzusiedeln, um nicht im Kampf mit dem Finanzamt den größten Teil seiner Honorare einzubüßen ... So sagen die Schriftsteller, wenn sie unter sich sind, und mitunter sogar in aller Öffentlichkeit. Natürlich ist das überpointiert – aber es trifft auch zu, daß es der Steuerfiskus in anderen Ländern mit der Erfassung der Einkommen im allgemeinen (und derjenigen aus schriftstellerischer Arbeit im besonderen ...) nicht ganz so genau nimmt, wie das bei uns der Fall ist. Außerdem steigt im Ausland der Einkommensteuertarif nirgends so bald und so steil an wie bei uns.

Zudem besteht (und das gilt keineswegs nur für erfolgreiche Schriftsteller!) eine besondere Verlockung, dann ins Ausland zu gehen, wenn man größere Einkünfte zu erwarten hat, die "eigentlich" in der Einkommensteuerrklärung nachgewiesen werden müßten, die man aber nun, nach Verlegung des Wohnorts, als Vermögen deklarieren kann – was erhebliche Steuerersparnisse ermöglicht. So zu verfahren, ist zwar nicht ganz steuerehrlich, entspricht aber – wie bei Parkinson ("The Law and the Profits") nachzulesen – einem im Geschäftsleben gern und oft angewandten Prinzip. Und wo kein Kläger ist, ist bekanntlich auch kein Richter: Ergo braucht es nicht wunder zu nehmen, daß derartige Kavaliersdelikte gelegentlich und immer wieder vorkommen. Und es wäre ungerechtfertigt, hier gleich mit groben Warten, wie etwa "Steuerflucht" oder gar "Steuerbetrug", dreinzufahren. So schlimm ist die Sache eben doch wieder nicht!

Nun ist ein bestseller-Honorar, das die Chance gibt, ins Ausland zu gehen und dort von den "ersparten Steuern" besser als in der Heimat zu leben, immerhin eine exzeptionelle Sache. Wer im Lande bleiben und den Kampf mit "seinem" Finanzamt weiterführen muß, hat andere Sorgen. Diese betreffen, für die "große Masse" der Schriftsteller, zwei völlig getrennte Komplexe, nämlich die Einkommensteuer (mit Ausstrahlungen auf die Vermögensteuer und auch auf die Gewerbesteuer) und die Umsatzsteuer.

Bei der Einkommensteuer gibt es einige wenige kritische Punkte, über die gleich noch zu sprechen sein wird. Die Umsatzsteuer aber ist schlechthin ein Ärgernis – für alle freien Berufe übrigens und nicht bloß für die Schriftsteller. Zwar hat der Gesetzgeber mehrfach, nämlich einmal schon bald nach Einführung dieser neuen Steuerart (vor nunmehr 40 Jahren) und dann wieder im Jahr 1956, Steuermilderungen beschlossen. Aber das Ärgernis ist geblieben: schon deshalb, weil die zweite Steuervergünstigung keine systemgerechte Ergänzung der ersten darstellt, sondern völlig für sich steht.

Das muß noch näher erläutert werden. Seit dem 1. Oktober 1956 sind sämtliche "mittelständischen" Existenzen, nämlich solche mit einem Jahresumsatz bis zu 80 000 DM, für die ersten 8000 DM ihres Umsatzes steuerfrei. Was also, bei dem normalen Steuersatz von 4 vH, für sie eine Entlastung von durchweg 320 DM im Jahr bedeutet. Jene Gruppe aber, die bisher schon aus sozialen Erwägungen bei der Umsatzsteuer begünstigt war – sie umfaßt die künstlerischen, wissenschaftlichen, schriftstellerischen Berufe und dazu die Handelsvertreter – wird nicht ebenso entlastet; ihren Angehörigen bleibt vielmehr die Wahl, ob sie sich für den einen oder für den anderen Berechnungsmodus entscheiden. Dabei ist für alle, deren Umsätze unter 24 667 DM im Jahr liegen, das frühere Verfahren vorteilhafter, das übrigens nur Umsätze bis zu 30 000 DM begünstigt. Wer Umsätze über 24 667 DM hat, wird zweckmäßigerweise auf die neue Vergünstigung umschalten. Anders gesagt: die bisherige Besserstellung dieser Gruppe – darunter auch die freiberuflichen Journalisten, Bildberichterstatter, Übersetzer – ist seit 1956 völlig verlorengegangen, sofern die Einnahmen 18 000 DM übersteigen.