Falscher Alarm am dem Kunstmarkt

Wenn es Winter wird, kommt die Kunst unter den Hammer. Was die Künstler geschaffen haben, wird zur Ware, ein käufliches und verkäufliches Objekt, dessen Wert sich wie bei jedem Artikel nach Angebot und Nachfrage richtet. Im Auktionssaal, vor den Augen zahlungskräftiger Interessenten, enthüllt die holde Kunst ihren merkantilen Pferdefuß. Für Liebhaber, Ästheten, Idealisten ist das ein schlimmes Schauspiel. Geschäftsleute, Spekulanten, Hyänen haben sich in ihrem Tempel häuslich niedergelassen. Und niemand steht auf, sie daraus zu vertreiben.

Die britische Prüfungskommission für den Export von Kunstwerken hat soeben ihren Jahresbericht an den Schatzkanzler veröffentlicht. Danach hat Großbritannien vom 1. Juli 1959 bis zum 30. Juni 1960 Gemälde im Werte von über 13 Millionen Pfund importiert – gegenüber Exporten von 9,5 Millionen Pfund. Als Handelsbilanz negativ, trotz Henry Moore und ironboys. Die Londoner Firma Sotheby’s, bei starker internationaler, speziell amerikanischer Konkurrenz noch immer das größte aller Auktionshäuser, verzeichnete in der letzten Saison einen Umsatz von 65 Millionen DM. Das sind harte Tatsachen. Der Kunstmarkt, mit Umsatz, Import, Export, Höchstkursen und sonstigen Vokabeln aus dem Handelsteil der Zeitung, repräsentiert einen Wirtschaftsfaktor ersten Ranges.

Wie wird sich die neue Saison entwickeln? Aus New York kamen alarmierende Meldungen. Krisenstimmung auf amerikanischen Auktionen. Der Wahlkampf, die UNO-Debatten, sogar Chruschtschows unmanierliches und unkünstlerisches Benehmen werden für die Rückschläge an der Kunstbörse verantwortlich gemacht. Das Publikum habe keine Lust, sich unter diesen Umständen mit Bilderkäufen zu befassen. 50 Alte Meister erzielten auf einer New Yorker Abendauktion nur 124 300 Dollar. Als Ende Oktober die Modernen unter den Hammer kamen, blieb das Ergebnis ebenfalls hinter den Schätzungen zurück. Auf einer Frankfurter Auktion wurden ein paar Blätter von Picasso nicht verkauft.

Ist die Konjunktur vorbei? Soll man Picasso abstoßen? Die großen Herren des Kunstmarkts sind nach wie vor optimistisch. Der langfristige Trend weist unverändert nach oben, meint man bei Sotheby’s, wo auf einer Oktoberauktion für 51 moderne Werke innerhalb von 77 Minuten über fünf Millionen DM erzielt wurden, wobei Picasso Rekorde brachte. Roman Norbert Ketterer, Meteor am deutschen Auktionshimmel, der diesmal seine Herbstversteigerung ausfallen ließ und damit gewisse Krisengerüchte nährte, hat für das kommende Frühjahr eine neue Mammutauktion angekündigt. Die neuen Picasso-Linolschnitte, Emissionskurs der Serie Frühjahr 1960 bei 85 000 DM, werden zur Zeit um 250 000 DM gehandelt – ein westdeutsches Museum konnte sie kürzlich noch für 160 000 DM erwerben.

Also: blinder Alarm. Keine ernsthaften Sturmzeichen. Leichte Konjunkturschwankungen gehören zum Geschäft. Die Hausse hält an. Im übrigen ist, auch im Winter, das Merkantile nur die eine Seite der Sache, die wir Kunst nennen. Man kann sich darüber ärgern, wenn Kunst zur Ware wird. Man kann das, weniger zart besaitet, sogar sehr lustig finden. Ein amüsantes Spiel, bei dem es darum geht, immaterielle Werte in DMark, Dollar und Pfunden auszudrücken.

Gottfried. Sello