Der Gegensatz zwischen Ost und West ist, bis auf weiteres, die Achse der Welt. Der Eiserne Vorhang und der Bambusvorhang werden nicht allein an den Grenzen der sowjetischen oder der chinesischen Welt errichtet, sondern an tausend unvorhergesehenen Stellen: im Flugzeug, wenn Besatzung und Fluggäste sich über den Landeplatz streiten, zwischen den Industriestädten und ihren ländlichen Vororten, in den Sitzungssälen der Parlamente, in entzweiten Familien und manchmal in den Tiefen eines Bewußtseins. Die als materialistisch verschrieene Sowjetunion ist ein viktorianisches Land. Während das Überhandnehmen der Ehescheidungen in den Vereinigten Staaten zur Prostitution innerhalb der Ehen führt, gewinnt die außereheliche Verbindung in den totalitären Staaten so sehr an Würde, daß sie eine größere Zeremonie verdiente. Obgleich die angelsächsischen Kapitalisten fast die Gesamtheit ilres Supereinkommens an den Fiskus abführen müssen, geben sie ihre Anstrengungen nicht auf: Sollten sie vielleicht weniger aus Habsucht als um des Vergnügens willen arbeiten? Die Stufen der Gehaltspyramide sind bei den Russen höher als in den westlichen Ländern: Die Ehre, am sozialistischen Aufbau mitzuwirken, genügt ihnen also doch nicht?

Ich habe in meinem Notizbuch einige Erlebnisse aufgezeichnet. Nach meiner Rückkehr veranstalte ich ein amüsantes Rätselraten: Wo ist das und das passiert? – Ich steige in ein Taxi ein. Der Taxichauffeur zieht ein Heftchen hervor und notiert den Standort und die Uhrzeit. "Das war in Rußland!" Nein, in den Vereinigten Staaten. – Einige Passanten verprügeln einen Polizisten, der mit einem Betrunkenen unfreundlich umgegangen ist. "Das war in den Vereinigten Staaten!" Nein, das ist in Moskau passiert.

Soll man zittern oder lächeln? Arbeiten die diensthabenden Atomingenieure an der Energieverwandlung in Elektrizität zu unser aller Wohl, oder bereiten sie die Zerstörung des Planeten vor? Während die Großmächte auf den Himmel zielen, schielen sie auf den Boden, und ihre Raketenabschüsse werden als Warnung empfunden. Aber je vollkommener die Mittel zur totalen Vernichtung werden, desto weniger glauben wir an ihre Anwendung.

Die Gegner im Kalten Krieg gleichen jenen beiden aneinander geketteten Häftlingen, ein Schwarzer und ein Weißer, die kürzlich in einem Film gezeigt wurden: Zwar sind sie Feinde, doch sind sie untrennbar miteinander verbunden. Die Machthaber unserer Welt scheinen sich darüber einig zu sein, sich weder schlagen noch verbrüdern zu wollen. Das eine wie das andere würde sie gemeinsam zu Fall bringen. Noch größer ist ihre Einigkeit im Kampf gegen die Muße. Dieses Wort ist ihnen unheimlich: In einer entspiritualisierten Welt ist es zu einem Synonym der Langeweile geworden. Überwältigende Kräfte strömen indessen auf geheimnisvolle Weise aus Herzen oder aus Maschinen, bringen hüben und drüben einander immer näher und bereiten den Boden für Versöhnung und Verschmelzung – vielleicht im Überfluß. Die leichten Annäherungen, die sich bereits abzeichnen, sind das Hauptereignis unserer Zeit. In der UdSSR können die sowjetischen Arbeiter ihre Beschäftigung wechseln, und Gegner des Regimes werden aufs Land geschickt statt in die Todeszelle.

Die USA beginnen jetzt damit, neutrale Staaten, Konkurrenzindustrien und sozialistische Planungen zu finanzieren. Die gemeinsamen Märkte, die dem Protektionismus förderlich sein könnten, wandeln sich um und werden zu Etappen auf dem Wege zu einer echten Annäherung. Der Europastaat ist überholt, noch ehe er gegründet worden ist. Überall werden die Rahmen unaufhaltsam gesprengt; auch die Kursänderungen auf dem innenpolitischen Sektor – denken wir nur an Stalins postume Degradierung oder an die Abenddämmerung um Adenauer – entsprechen dieser Tendenz. In Bonn oder in Moskau hört man, daß die Welt in den Nähten platzt.

Mancher Entrüstungsschrei ist verdächtig. Der Westen verurteilt die Besetzung Tibets durch die Chinesen, aber er kritisiert weniger den Zweck als das Mittel (ein Mittel, das an diesem Ort und in diesem Augenblick zur Erreichung des Zwecks vielleicht notwendig ist). Für den Präsidenten der indischen Republik ist der in Asien vordringende Marxismus eine Blüte des europäischen Rationalismus. Der Kapitalismus desgleichen. Der Bürger, der über den Dalai Lama weint, zieht den Traktor der Gebetsmühle dennoch vor, und was ihn betrifft, so bemüht er sich, das eine durch das andere zu ersetzen. Genauso ahmen auch die Marxisten nach, was sie auf der anderen Seite kritisieren. In den kommunistischen Staaten des 20. Jahrhunderts wird das Kapital, von dem kommende Generationen profitieren werden, genauso wie in den bürgerlichen Staaten auf dem Rücken der Arbeiter angesammelt. Der Westler und der Totalitäre sind keine echten Zeitgenossen: Der eine beutet seine Großväter aus, der andere wird von seinen zukünftigen Enkelkindern ausgebeutet. Man ist der Meinung, daß sie sich bekämpfen. Richtiger, gesagt aber befinden sie sich in verschiedenen Stellungen innerhalb einer einheitlichen Kontinuität.

Nachdem es jetzt endlich gelungen ist, die Erde zu verlassen (und sich in den Weltraum zu begeben), erscheint die Erde in ihrer Ganzheit. Seit die Raketenkameras sie photographiert haben, seit man die Kugel auf dem Bildschirm gesehen hat, kann man sie sich eher als ein einziges Land vorstellen, das eines Tages von einer einzigen Regierung beherrscht sein könnte. Diese Regierung führt bereits ein unscheinbares, verwaltungstechnisches Dasein innerhalb der internationalen Organisationen. Diese aber reden eine künstliche Sprache. Die Wahrheit hat man daraus verbannt, denn sie gilt als "explosiv".