Von Ernst Stein

Vorige Woche ging im Londoner Strafgericht Old Bailey der Prozeß zu Ende, den die Moral seit zweieinhalbtausend Jahren gegen die Kunst anstrengt, der aber erst vor dem Jüngsten Gericht endgültig ausgetragen werden dürfte, wofern er nicht, als Bagatellsache verworfen wird. Es ist immer heiter, wenn sich der Anstand und die Literatur in die Haare geraten; mißlich ist nur, daß sich der Dritte freut, der Staatsanwalt – denn eben jetzt hat sich wieder gezeigt, daß unter allen Beteiligten und Unbeteiligten der Jurist am wenigsten imstande ist, zur allgemeinen Zufriedenheit zu definieren, was ein unanständiges Buch ist.

Auf der Anklagebank saß – nein, eine Bank gibt es überhaupt nicht, und an der Barre stand niemand, denn der Angeklagte war eine juristische Person, die Penguin Books Ltd., die Millionenfirma, der unsere Kultur den papierenen Rücker verdankt, den paperback, das Taschenbuch. Der Verlag hatte eine vollständige, das heißt ungesäuberte Ausgabe des Romans Lady Chatterley Lover von D. H. Lawrence veröffentlicht – eigentlich nur theoretisch veröffentlicht, denn im Einvernehmen mit der Polizei warteten Penguim den Ausgang des Strafverfahrens ab, bevor sie an den Buchhandel auslieferten. (Die Auflage war 200 000 Exemplare zu zwei Mark das Stück, dürfte aber im Handumdrehen die halbe Million übersteigen.).

Es war der erste Rechtsfall dieser Art unter dem neuen englischen Gesetz über die Verbreitung unzüchtiger Schriften. Fünf Jahre lang wurde daran gearbeitet, das alte "Schmutz- und Schundgesetz" wenigstens in drei wichtigen Punkten zeitgemäßer zu gestalten. Allerdings ist es auch nach diesem Freispruch keineswegs sicher, ob die Literatur künftig unfehlbar über die Moral im juristischen Haarbeutel triumphieren wird.

Nach dem neuen Gesetz von 1959 muß ein anstößiges Buch als Ganzes beurteilt werden, nicht nach einzelnen Stellen, und es sieht dem Recht ähnlich, daß es erst nach Jahrzehnten auf einen Grundsatz kam, der bei der Beurteilung eines jeden Buches zu gelten hat.

Zweitens ist nunmehr auch bei einem anstößigen Buch der Nachweis statthaft, daß seine Veröffentlichung im allgemeinen Interesse liegt. Worunter verstanden wird, daß sie der Wissenschaft, der Literatur, der Kunst, der Bildung, kurz, dem öffentlichen Wohl dient. Die Frage, was dieses Wohl ist, auf welche Weise ihm gedient wird und wo das Dienen aufhört, ist eine Meinungsfrage und wird ewig Grenzland bleiben. Nach dem Freispruch der Lady Chatterley dürfte jedenfalls ein lebhafter Grenzverkehr anheben.

Drittens aber gestattet das neue englische Gesetz – und das ist eine große Neuerung – die Vernehmung von Sachverständigen für Literatur und für Moral. Die Verteidigung hatte berühmte Schriftsteller, Soziologen, Pädagogen und einen Bischof aufgeboten; der Staatsanwalt verzichtete darauf, und so war man um das Spektakel betrogen, wie literarische Größen ein Werk der großen Literatur als unsittlich verdammten – und warum. Es hätte der Klarstellung des Begriffs vielleicht mehr gedient als alle juristische Spitzfindigkeit.