Von Erwin Topf

Im Sudan sollte ein Zementwerk errichtet werden; Verhandlungen, die mit einer deutschen Firmengruppe liefen, standen dicht vor dem Abschluß. Aber für den vom Besteller geforderten Zehnjahreskredit war bei der Hermes Exportkreditversicherung keine Deckung zu erhalten. "Nicht über sechs Jahre", so hieß es; über längere Zahlungsfristen sei allenfalls bei einem staatlichen Auftrage zu reden ... nicht aber wie im vorliegenden Falle, bei einem privaten Auftraggeber.

An diesem Votum ist das Geschäft gescheitert. Gegenwärtig verhandelt der Interessent mit Jugoslawien, dessen vom kommunistischen Staat dirigierte Maschinenbau-Kombinate offenbar mehr Vertrauen für das private Unternehmertum im Sudan – jetzt und auch noch für die nächsten zehn Jahre – aufbringen, als die zuständigen Stellen bei uns. Dafür lassen wir aber keine Gelegenheit vorübergehen, den Entwicklungsländern zu verkünden, wie segensreich es für sie wäre, wenn sie etwas weniger Staatssozialismus veranstalten und statt dessen eine breite Unternehmerschicht heranbilden würden. Und den deutschen Unternehmern wird vom Bundeswirtschaftsministerium immer wieder ans Herz gelegt, praktische Entwicklungshilfe in der Form einer Partnerschaft mit kleineren und mittleren (speziell "handwerklichen") Existenzen jener Länder zu betreiben.

Sind derartige Vorschläge realistisch? Nun: es mag einige Entwicklungsländer geben, wo die Voraussetzungen dafür vorliegen, daß sich auch mittlere deutsche Firmen, ohne eine eigene Vertretung dort zu unterhalten, kapitalmäßig an Unternehmen etwa der gleichen Größenklasse beteiligen können. Solche Voraussetzungen wären, neben einem hohen Stand von Rechtssicherheit und kaufmännischer Moral, daß sich beide Partner – etwa aus langjährigen Export-Import-Beziehungen – hinreichend kennen und deshalb das Vertrauen haben, auch im engeren Partnerschaftsverhältnis gut miteinander auszukommen. Und schließlich muß die Voraussetzung gegeben sein, daß sich aller Voraussicht nach die Produktion, die neu aufgenommen werden soll, auch rentiert.

Für die große Mehrzahl der Entwicklungsländer ist kaum eine dieser Voraussetzungen gegeben. Hier sieht das Geschäft völlig anders aus; es überwiegen Großprojekte, die von der öffentlichen Hand geplant sind und die im wesentlichen dem Aufbau der Infrastruktur – im weitesten Sinne des Wortes – dienen: Ausbau der Verkehrsanlagen, der Energieversorgung, der Wasserwirtschaft. Private Partnerschaft kommt dabei kaum in Frage, und zwar schon deshalb nicht, weil ja die Mehrzahl der zu schaffenden Anlagen keine Unternehmensgewinne erbringen soll. Selbst wenn es sich um Projekte für den Abbau und die weitere Aufbereitung von Bodenschätzen handelt, oder um Anlagen für die Veredlung sonstiger Rohstoffe, bleibt eine Partnerschaft jener Firmen, die solche Anlagen liefern und montieren, eine mehr als problematische Sache. Große Bauunternehmen oder Maschinenfabriken wie auch Elektrokonzerne sehen es ja kaum je als ihre Aufgabe an, die von ihnen erstellten Anlagen selber (oder als stille Teilhaber) zu betreiben und damit Risiken auf sich zu nehmen, die – abgesehen davon, daß sie einen sehr hohen Kapitalaufwand erfordern – ihnen wesensfremd sind.

Weitere Einwände gegen die neuerdings so emsig propagierte Form der direkten Partnerschaft ("mit Kapitalbeteiligung") zwischen deutschen und überseeischen Unternehmern der Mittelstandsschicht ergeben sich aus dem Faktum, daß in einer ganzen Anzahl von Entwicklungsländern der Typ des Unternehmers nicht geschätzt wird oder nicht erwünscht ist, und daß infolgedessen eine Unternehmerschaft, wie wir sie kennen, entweder überhaupt nicht oder nur als abgesonderte (Händler-)Klasse existiert. Das gilt – wenn auch für Teilgebiete weniger scharf ausgeprägt – grundsätzlich für den gesamten Kulturkreis des Islam, ist also nicht etwa eine spezifische "geistige Haltung" ehemaliger Kolonialvölker und vor allem jener unter ihnen, die zu staatssozialistischen oder kommunistischen Wirtschaftsformen neigen.

Die Gründe für dieses tiefeingewurzelte Mißtrauen jener Völker gegen die Unternehmerschaft schlechthin liegen zu einem erheblichen Teil im Fehlen des uns im "europäischen Westen" so völlig selbstverständlichen Erwerbsstrebens. Damit ergeben sich auch völlig andere Vorstellungen von dem, was wir unter Arbeit und Produktion verstehen – mit der Konsequenz, daß Mißverständnisse herüber und hinüber an der Tagesordnung sind, und daß der Europäer da nur Faulheit, Nachlässigkeit oder Dummheit als Gegebenheiten sieht, wo es sich eigentlich um durch völlig andere Wertvorstellungen eines fremden Kulturkreises bedingte Verhaltungsweisen handelt. Bezeichnend für die weitgehende und mitunter völlige Verständnislosigkeit gegenüber der modernen "europäischen" Technik ist etwa der Wunsch eines der jüngeren selbständigen afrikanischen Staaten: Man möge ihm ein Lieferungsangebot auf einen Maschinenautomaten für die Herstellung von Düsenflugzeugen machen!