Erregte Debatten vor der UNO, Demonstrationen in Rom, mehr propagandistisch als informativ angelegte Zeitungsartikel in Österreich und Italien — das kleine, stille Stück Land südlich vom Brenner ist wieder in den Vordergrund des Weltinteresses gerückt. Die Diskussion um Südtirol, von beiden Seiten emotionell geführt, ermangelt der sachlichen Nüchternheit, die sich, ebenso unerwartet wie bemerkenswert, dem Reisenden an Ort und Stelle auftut. In Südtirol sieht man die Nachteile der jetzigen Lage schärfer als anderswo — aber man weiß dort auch die Vorteile zu schätzen, die unser Mitarbeiter schildert. Mit nachlässiger, fast gelangxveilter Geste winkt der weißhaarige Antiquitätenhändler am Bozener Dominikanerplatz ab: "Sehen Sie, Selbstbestimmung — und darüber gibt es keine Diskussion — bedeutet unweigerlich den Anschluß Südtirols an Österreich. Was glauben Sie denn, was ich da für Steuern zahlen müßte?" Keine Ahnung. Aber vermutlich mehr als an die Italiener.

"Nicht nur das. Wie die Dinge jetzt liegen, können Sie mit den Finanzbeamten auch vernünftig reden und ihnen klarmachen, daß sie einfach mehr verlangen, als man aufzubringen imstande ist. Solche Gespräche", er kneift ein Auge zu," haben eigentlich immer Erfolg. Mit österreichischen Finanzern wären sie vollkommen sinnlos — Und wenn Sie mir nicht glauben", sagt er zum Schluß," dann fragen Sie doch in der Südtiroler Wirtschaft und Industrie herum " Die Antworten, die mir dort gegeben werden, sind fast immer vorsichtig verschlüsselt. Auf knappe Formeln gebracht, Tauten sie: Ach Gott, Österreich ist so ein armes Land, was solls denn? Wenn der "Anschluß"käme, ginge eine italienische Firma, der wir viel liefern, bestimmt weg von hier .

Gebaut wird in Südtirol mit Vehemenz. Die Zeit, in der unter Mussolini eine Fabrik nach der anderen emporwuchs, ist freilich vorbei, die Epoche der nicht gerade behutsamen Industrialisierung einstweilen abgeschlossen. Aber ein halbes Dutzend verschiedener Wohnungsbauprogramme läßt manche Unternehmer noch hoffen. Diese Wohnungen —- modern, nicht ohne Kornfort — bilden einen ständigen Zankapfel zwischen Italienern und Südtirolern. Beide Teile legen immer wieder Statistiken über die Verteilung des Wohnraums zwischen den Angehörigen der beiden Volksgruppen vor. Die Zahlen differieren erheblicht aber auf jeden Fall ist der Anteil der Tiroler weitaus geringer Roms Präf ekt in Bozen, Francesco Puglisi, hebt die Schultern: "Bedenken Sie, daß Bozen im Kriege kaum gelitten hat. Die Deutschen leben in ihren alten Wohnungen, aber die italienischen Industriearbeiter hausen zum Teil in ausgesprochenen Elendsquartieren. Waren Sie schon in dem ehemaligen Konzentrationslager? Dort sind nur Italiener untergekrochen. Und wissen Sie, daß die schönste Siedlung weit und breit ausschließlich für Deutsche erbaut worden ist, für Südtiroler, die nach dem Hitler Mussolini Pakt von 1933 für die- Heimkehr ins Großdeutsche Reich optierten und jetzt zurückkehren?" Puglisi, der von sich sagt: "Ich bin Sizilianer und finde es hier herrlich", nimmt auch bereit