In dem letzten Teil der Note liegt die Möglichkeit lockend vor den Augen der Deutschen, das ersehnte Ziel, das diplomatisch-strategische Ziel dieser Monate, doch noch zu erreichen. Aber Hitler beachtet den letzten Teil der Denkschrift kaum. Er sieht nur den ersten, er ist entschlossen, den Russen keinen Fußbreit nachzugeben. Die Note wird nie beantwortet. Statt dessen macht Hitler am 18. Dezember 1940 endlich allem Schwanken und Abwägen mit der Barbarossa-Weisung ein Ende: die Operationspläne gegen Rußland sind keine reine Schreibtischarbeit mehr, Rußland wird im Frühjahr angegriffen werden. Vergebens versuchen Göring und Raeder ihn umzustimmen, vergebens versuchen selbst die Schwächsten der Schwachen, Keitel und Ribbentrop, einige zögernde Warnungen. Vor der Gefahr der Ungnade des Führers weichen sie zurück. Die Würfel sind gefallen. Es ist entschieden, daß nun das blutigste Abenteuer der Geschichte beginnen soll, es ist entschieden, daß Hitlers Stern und die Größe des Reiches in den weiten Ebenen Rußlands untergehen werden.

In dem Drama, das die Geschichte Hitlers von dem strahlenden Siege in Frankreich bis zum Einmarsch in Rußland und damit bis zum Beginn seines Unterganges darstellt, erscheinen die Novembertage von 1940 als das "retardierende Moment": Noch einmal erhebt sich vor den Mitspielenden die Aussicht, der Katastrophe zu entrinnen, aber der nachlebende Zuschauer weiß, daß es kein Entrinnen mehr gibt.

Damit könnte man eine Betrachtung jener Ereignisse abschließen, wenn nicht jede eindringende Beschäftigung mit jener Zeit immer neue Rätsel aufdrängte. Wer die Forderungen Molotows und Stalins auf sich wirken läßt, dem tritt der Bolschewismus wieder entgegen als die Fortsetzung des zaristischen Imperialismus. Die russischen Fahnen über den slawischen Völkern auf dem Balkan und am Bosporus – lange Jahrhunderte hatten die Russen davon geträumt, und Stalin mochte sich auch hier wie an der Ostsee als Erbe der Iwane, der Alexander und der Nikolai sehen. Aber indem man diesen Satz niederschreibt, spürt man auch die Zweifel, ob solche Feststellungen ausreichen, die russische Haltung zu erklären.

Mißtrauen ist eines der Hauptkennzeichen des bolschewikischen Staates, Mißtrauen gegen die deutschen Absichten in Finnland und auf dem Balkan mußten die Russen dazu führen, sich dem deutschen Einfluß zu widersetzen. Wir wissen heute, was sie nur ahnen konnten, daß nämlich ihr Mißtrauen berechtigt war. Vielleicht, wahrscheinlich war eines mit dem anderen unentwirrbar verbunden: zaristische-bolschewikische Eroberungslust und tiefsitzende Furcht vor einem deutschen Überfall.

Und wir können nur Vermutungen anstellen, wenn wir zu untersuchen beginnen, ob wirklich die Divisionen Stalins gegen die des Königs von England marschiert wären, wenn ihnen Hitler den Balkan und die Meerengen eingeräumt hätte. Auch bis zum Persischen Meerbusen hatte der zaristische Imperialismus vorstoßen wollen, mehr als einmal hatte es auf des Messers Schneide gestanden, ob es um das westliche Asien zum Kriege "zwischen Bär und Wal" kommen werde. Ob dieser Krieg jetzt wirklich ausgebrochen wäre, wenn Hitler es mit aller Entschiedenheit gewollt hätte, das ist noch die erregendste Frage für den Überlebenden.

Aber die Geschichte wird so leicht nicht geruhen, uns eine Antwort zu geben. Vielleicht wäre Stalin, der Vorsichtige, dem Kriege ausgewichen, vielleicht aber hätte er sich durch die Rückendeckung im Westen verleiten lassen, das Spiel fortzusetzen, das Nikolaus der Zweite abgebrochen hatte. Das einzige, was wir wirklich wissen, ist die Tatsache, daß Hitler nicht mit der letzten Tatkraft versucht hat, das Bündnis zu erreichen.

Warum eigentlich hat er es nicht versucht, warum hat er den Faden nicht weitergesponnen, der in der russischen Denkschrift vom 25. November zu entdecken war? Wenn wir diese Fragen beantworten könnten, dann wüßten wir auch, warum Hitler Rußland angegriffen hat. Aber unser Erkenntnisdrang stößt sich wund an der Unzulänglichkeit der Quellen.