Ein Reisender in Ost und West – und die Summe seiner Beobachtungen

Von Alfred Fabre-Luce "Wohin rollst du – Globus?" Als vor ein paar Jahren A. E. Johann auf eine Weltreise ging, versuchte er in der ZEIT die allgemeinen Grundzüge des Gegenwartsgeschehens in den wesentlichen Ländern der Erde aufzudecken. Seine Berichte sind stark beachtet worden, und sie haben die Grundlage für ein erfolgreiches Buch "Wohin die Erde rollt" (Bertelsmann-Verlag, Gütersloh), gebildet. – "Was wird morgen sein?" Diese Frage stellt der Franzose Alfred Fabre-Lüce, der 1927 zum erstenmal eine journalistische Weltreise machte und unlängst die Erde wiederum umrundete. (Von ihm stammt auch ein viel beachtetes und viel umstrittenes Werk über de Gaulle, den er bewundert und zugleich kritisiert.) Sein Buch "Was wird morgen sein" wird jetzt im Nannen-Verlag, Hamburg, erscheinen. die ZEIT veröffentlicht daraus einige Auszüge.

Die Welt, dieses Wort hat einen anderen Sinn bekommen oder vielmehr andere Dimensionen. "Die Zeit ist nahe, wo es in der Welt nichts mehr zu entdecken gibt", schrieb Paul Valéry. Aber diese Zeit war nur von kurzer Dauer. Inzwischen hat der Mensch die Stratosphäre und die Meerestiefen erforscht, und heute geht er an die Eroberung des Erdinneren. Mit Hilfe seiner Brillen entweicht er ins unendlich Große und ins unendlich Kleine. Teleskope, die den Raum durchdringen, drehen die Zeit zurück; sie demonstrieren uns bereits, am Beispiel der fernen Milchstraßen, wie das Universum vor Milliarden Jahren aussah. Wir werden produktiv, werden schöpferisch, dank der todbringenden Bombe; wir Wasserstoffmenschen, das heißt wir Sonnenfabrikanten, werden vielleicht unsere Sonne neu entzünden, wenn sie auszuglühen droht.

Was hinter uns liegt, wird aufgeklärt. Selbst in der Geschichte wimmelt es von Überraschungen. Die Hethiter sind aus einigen alten Steinen erstanden, alte Mythen sind auf dem Grund des Unbewußten entziffert worden. Jesus Christus bringt noch unveröffentlichte Schriften heraus.

Wie eine Blume eröffnet sich das Universum nach allen Seiten. Der Raum weitet sich, die Zeit vervielfacht sich, der Forscher verwandelt das, was er untersucht. Die Großen der Politik jagen Sputniks in den Himmel, während ihre Vorgänger sich darauf beschränkten, Leitsterne des sittlichen Verhaltens auszulöschen. Unsere Erdkugel ist eingeschrumpft, hat sich dem menschlichen Ruhebedürfnis angepaßt. Man wird bald schlafend zwischen allen Flughäfen der Welt verkehren können. Sie sind praktisch gleich weit voneinander entfernt. Man wählt bloß am Abend den Ort des Erwachens. Die Linienflugzeuge holen die Sonne ein. Der aufsteigende Mensch entkommt seinem Planeten.

Ja, die Zeit der unbegrenzten Welt beginnt. Nicht für mich. Nur die jungen, sanftmütigen, etwas dümmlichen und lang trainierten Leute werden, demnächst die Mondlandschaften besichtigen. Ich habe einen Rückstellungsbescheid erhalten und bleibe in unserem zehn Kilometer dicken Luftmantel. Eingeschlossen auch in meiner Kultur, und das hindert mich daran, anderen Problemen als menschlichen mein Interesse zu widmen. Mein Gefängnis ist mir sympathisch, und außerdem wird es auch alle, die zurückbleiben, aufnehmen. Ich glaube nicht an den baldigen Untergang der Menschheit. Ihre Fruchtbarkeit triumphiert über alle Bomben. Mit Hilfe der Erfahrung und der Sprache wird sie jene Gewalten humanisieren, die sie heute noch aus der Bahn werfen. Ich will mich schonen, damit ich den Fortgang dieses erstaunlichen Abenteuers noch eine Zeitlang verfolgen kann.

Ich höre immer sehr viel Schlechtes über die Bewohner der Länder, die ich bereisen möchte (besonders von Seiten ihrer Nachbarn). Ich bereite mich darauf vor, gelyncht, bespitzelt oder beraubt zu werden, erlebe aber an Ort und Stelle immer angenehme Überraschungen. In allen Städten der Welt stößt der Fremde, der seinen Weg – im eigentlichen oder übertragenen Sinn – sucht, auf Sympathie. Alle diese Menschen taten sich zusammen, um mir ihre nationalen Geheimnisse vorzuenthalten. Insgeheim ärgerten sie sich, weil sie fühlten, daß ich gekommen war, sie ihnen zu entreißen. Die Brasilianer jammerten über die Preisschwankungen auf dem Kafeemarkt. Nie hätten sie zugegeben, daß diese Fluktuationen ihnen Spaß machten (das ist ihr Poker). Die Russen priesen die Wohltaten der kommunistischen Organisation an.