willig zum zweiten großen Streitpunkt Stellung: die Vergebung von Staatsstellen an Italiener und Tiroler. Auch hier weisen die Statistiken bedeutende Unterschiede auf, auch hier befinden sich die Südtiroler eindeutig in der Minderzahl. "Wenn eine Stelle ausgeschrieben wird, sind die Italiener häufig im Vorteil, weil sie als Veteranen mehrerer Kriege — berücksichtigen Sie bitte Abessinien oder Albanien — von vornherein Pluspunkte mitbringen. Im übrigen sind die Tiroler häufig gar nicht so sehr erpicht auf Staatsstellen. Die Besoldung ist nicht gut " In der Tat ist es mehrfach vorgekommen, daß sich auf Ausschreibungen hin weniger Bewerber meldeten, als Posten besetzt werden sollten. Daß aber der Anteil der Tiroler unter den Beamten von Jahr zu Jahr wächst, ist ebenfalls nicht zu bestreiten. Immerhin: Nur vier Tiroler unter insgesamt 56 Richtern in Südtirol — dieses Verhältnis ist, wenngleich hier ein besonders extremer Fall vorliest, bitter.

Deutsch ist vor Gericht wieder zugelassen: Die Aussagen werden sogar, falls erwünscht, auf deutsch protokolliert. Die Zeit, in der Tiroler wegen geringer Vergehen zu exemplarischen Freiheitsstrafen verurteilt wurden, ist vorbei. Das Verhältnis zwischen den beiden Bevölkerungsteilen bessert sich von Tag zu Tag, um so mehr, als die Einwanderung italienischer Industriearbeiter — "die Unterwanderung" — aufgehört hat. Es gibt hier keine Arbeitslosen. 300 italienische Beamte wurden in diesem Jahr auf Kurse in die Bundesrepublik geschickt, um ihre deutschen Sprachkenntnisse zu vervollkommnen; demnächst wird ein Gesetz erlassen, das jeden zweisprachigen Beamten in Südtirol mit etwa 100 DM monatlich prämiiert.

Handel, Wirtschaft, Hotellerip sind, soweit in der Hand der Südtiroler, eher nach Süden als nach Norden ausgerichtet. Allerdings hat die Zahl der italienischen Urlauber, vor wenigen Jahren noch imposant, stark nachgelassen, seit sich — meist jugendliche — Hitzköpfe in Sprengstoffanschlägen auf Häuser, Hochspannungsmasten und das Gleis der Brenner Bahn versuchen, um "die Welschen davor zu warnen, unser Land zu überfluten". Die Bergbauern, 70 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols, bekunden keinerlei übermäßiges Interesse an akuten politischen Fragen; für sie ist Tirol primär Tirol und nicht italienisches oder österreichisches Staatsgebiet. Die Rufer nach der Selbstbestimmung sind großenteils Funktionäre der Südtiroler Volkspartei, einer künstlichen und deshalb starken Flügelbildungen ausgesetzten Einheitspartei, deren Obmann, Silvius Magnago, die Zügel nicht mehr sehr fest in der Hand hat. Je näher die Südtiroler der ihnen zugesicherten Autonomie kommen, desto lauter verlangen die Extremisten, offenkundig bemüht, Anhängerschaft zu gewinnen, den Anschluß an Österreich. Unter der Bevölkerung auf diese Weise Leidenschaften zu entfachen, dürfte ihnen aber schwerlich gelingen. Es geht den Südtirolern heute so gut wie lange nicht mehr; entsprechend werden emonotionale Ausbrüche seltener. Otto v. Loewenstern