FÜR jeden, der einen der größter deutschen Essayisten neu- oder wiederentdecken will –

Heinrich Mann: "Essays"; Claassen Verlag, Hamburg; 654 S., 24,80 DM.

ES ENTHÄLT eine Auswahl von 45 Essays aus den Jahren 1905 bis 1932, von den berühmten frühen Studien französischer Schriftsteller (Voltaire, de Laclos, Stendhal, Hugo und vor allem Flaubert und Zola) über die Analysen der "geistigen Lage" Deutschlands zur Zeit der Weimarer Republik bis zu den kämpferischen politischen Essays, die entstanden, als die Katastrophe noch abwendbar schien.

ES GEFÄLLT, weil dem Leser in der Bundesrepublik auf diesen sechseinhalb hundert Dünndruckseiten der Kern des essayistischen Werkes Heinrich Manns, der seinem novellistischen in nichts nachsteht, es zeitweilig sogar überragt, zum. ersten Male vorgelegt wird; weil die von innen her deutende Einfühlungskraft, die kühle Leidenschaftlichkeit, die Unerschrockenheit der Forderungen, die geistreiche Prägnanz der Formulierungen und ein niemals eingeschläfertes Verantwortungsgefühl auf jeder Seite den Meister verraten; weil uns heute Essayisten von diesem autoritativen Rang fehlen – und gar solche, die sich nicht zu schade sind, den Diskussionen des Tages durch ihr Eingreifen auf ein höheres Niveau zu verhelfen; und weil man immer wieder auf unvergeßliche Sätze stößt wie diese: "Alle Gewalt des Buches (Madame Bovary) liegt darin, daß jemand mit bitterer Überzeugung wütet gegen sein eigenes Herz und gegen seines Herzens ehebrecherische Gelüste nach Poesie"; oder: "Dieses Volk ist, wie kein anderes, im Sichausreden auf Kollektivitäten befangen... Es sieht den nicht, der handelt, auch wenn er es verdirbt. Es glaubt an unbegreiflich böse Mächte und immer an die falschen. Man kann es ungestraft verderben, spielt man ihm nur Betäubungsmittel in die Hände..." D. E. Z.