RH-Hamburg

Ein alter Reiseautobus, dessen Firmenname mit Farbe flüchtig überpinselt ist, macht letzte Station im Zigeunerlager Hamburg-Niendorf. Er ist Wohnwagen der Zigeunerfamilie Czory.

An der Wand gegenüber dem Eingang hockt auf dem Boden unter einem Federbett im kunstseidenen Bezug – gelbe Rosen auf grauem Grund – eine alte Zigeunerin, die Mutter des siebenundzwanzigjährigen Toten, der im offenen Sarg in der Mitte des Wagens liegt. Näher dem Sarg, auf einer deckenbelegten Kiste, sitzt eine junge Schönheit in schwarzen Gewändern, mit schwarzem Kopftuch, anzusehen wie eine griechische Bäuerin. Sie ist schwanger, ein Kind von knapp einem Jahr sitzt neben ihr. Sie hat noch zwei weitere Kinder, nicht viel älter als dieses. Sie ist die Frau des toten Joska Czory, der, im Sonntagsanzug, die Hände gefaltet, in einer Drapierung von weißem Atlas liegt.

An den vier Ecken des Eichensarges brennen in weißen Tassen Kerzen. Der Druck eines großen Bildes mit süßer rosa Engelsszene ziert die Wand zu Häupten des Sarges, ein rosa Chiffontuch hält den Kiefer des Toten, ein zweites bindet seine gefalteten Hände. Es ist der vierte Tag nach seinem Tode, aber erst gestern hat die Sippe seine Leiche und die des zweiten, von demselben Polizisten erschossenen Mannes hierherbringen dürfen. Die Toten waren ins gerichtsmedizinische Institut gebracht worden.

Im Wohnwagen seiner Familie, der wie ein grauer Lattenverschlag aussieht, liegt aufgebahrt der zweite Tote, Karol Kwieck, auch er im neuen Anzug – den Hut auf den Knien. Auch er ein junger Mann, Vater von vier Kindern. Auch hier brennen Kerzen. Hinter dem Sarg steht ein Berg von einem Bett, geziert mit gelbunterlegter Spitzendecke. Unter dieser Decke liegen am Tage alle Kissen und Decken, die nachts für die Familie auf dem Boden verteilt werden.

Jetzt aber wird das Bett nicht angerührt – auf seiner Spitzendecke ist das große Hochzeitsphoto des Karol Kwieck aufgestellt. Die Witwe hockt an einer Seite des Kopfendes auf dem Boden, seine Mutter auf der anderen. Andere Frauen und Kinder hocken rings um den Sarg. Männer, die feierlich die Hüte abnehmen, treten ein und gehen wieder. Ständige Totenwache halten die Frauen. Bis zum Begräbnis darf nachts nicht geschlafen werden – und weder Kinder noch Erwachsene, der Familien dürfen in diesen Tagen essen oder trinken.

Zentrum des trübseligen Lagers aus etwa fünfzehn Wagen ist eine Baracke mit Toiletten. In der Nähe dieses Zentrums stehen lebhaft diskutierende Gruppen von Männern, Frauen hören zu, Kinder stehen bedrückt bei ihren Müttern. „Der Polizist hat unsere Männer ermordet“, sagen die Zigeuner. „Er handelte in Notwehr sagt die Polizei.