In der Vorwoche wurde die Börse von weiteren Unsicherheiten befreit. Der Diskont ist – wie man zuversichtlich gehofft hatte – um ein volles Prozent gesenkt worden, die Wahl Kennedys zum neuen Präsidenten hatte nicht den vielfach befürchteten Rückschlag an der New Yorker Börse zur Folge, und außerdem konnte man bereits vor den offiziellen Konjunkturberatungen der Bundesregierung gewiß sein, daß schnelle, die Börse beeinträchtigende Maßnahmen von dieser Seite vorerst nicht befürchtet zu werden brauchen. Man hatte also freie Bahn – und doch geschah im Grunde nichts. Es traf nur das ein, was viele Experten für die Zeit bis zum Jahresende vorausgesagt hatten: Wenig bewegliche Märkte mit einer leichten Anhebung des Kursniveaus.

Sicherlich erleichtert der jetzt flüssigere Geldmarkt und der gesenkte Diskont den Banken die Dispositionen im Wertpapiergeschäft. Doch können sie davon im vollem Umfang Gebrauch machen? Die Kreditinstitute müssen sich nicht nur rechtzeitig auf den Jahresultimo (window-dressing der Bilanzen usw.) vorbereiten. Sie müssen darüber hinaus Vorsorge für den großen Steuertermin am 10. Dezember treffen, der dem Bereich der Wirtschaft etwa 5 bis 6 Mrd: DM vorübergehend entziehen wird. Außerdem erfordert die bevorstehende Zeichnung der sogenannten „Industrie-Milliarde“ eine gewisse Vorsorge, ganz gleich, ob sich die Banken daran mit einer eigenen Quote beteiligen werden oder nicht. Von dieser Seite haben also die Haussiers nichts zu erwarten.

Als Aktienkäufer kommen – zumindest theoretisch – zur Zeit nur die kleineren und mittleren Anlagegruppen sowie die Ausländer in Frage. Aber auch bei ihnen sind allzu optimistische Erwartungen kaum am Platze. Die sogenannte „kleinere“ Bankenkundschaft wird um die Jahreswende mit der Zeichnung der VW-Aktien stark beansprucht. Die Nachfrage nach diesen Papieren ist erheblich, denn begreiflicherweise wollen sich viele Sparer die ihnen vom Bund gebotene Chance, ein erstklassiges Papier „unter Preis“ zu erwerben, nicht entgehen lassen.

Auf einem anderen Blatt steht das Verhalten der Ausländer. Beobachter der New Yorker Börse glauben eine Umorientierung der amerikanischen Anlegergruppen feststellen zu können. Und zwar geschieht sie nach zwei Richtungen. Einmal beginnt man, die europäischen und damit auch die deutschen Aktien allmählich als „ausgereizt“ anzusehen. Jedenfalls hätten sie nach Meinung der Experten in etwa das Niveau amerikanischer Aktien erreicht. Das bedeutet nicht, daß man sich künftig völlig von den europäischen Werten fernhalten oder sie sogar abstoßen wird, man scheint vielmehr daran zu denken, bei künftigen Anlagen stärker die Aktien des heimischen Marktes zu berücksichtigen, vornehmlich der „dynamischen“ Industrien wie Chemie und Elektro.

Diese Wendung steht mit der Wahl Kennedys im Zusammenhang, von dem man eine Politik des „leichten Geldes“ erwartet und deshalb inflationistische Erscheinungen voraussagt. Das würde das Sachwertdenken in den USA wieder anregen und zu einer Rückkehr vieler Anleger in die Aktien führen, nachdem sie in der Vergangenheit den relativ gut verzinslichen Rentenpapieren den Vorzug gegeben hatten. Die anderen neuen Erwägungen, von denen man in Wall Street spricht, sind die unter Umständen zu erwartenden Tauschoperationen, die zu Lasten der in der Zeit der rückläufigen Konjunktur mehr als zuvor gekauften Versorgungswerte und anderer weniger spekulativer Papiere und zugunsten der bereits erwähnten Aktien der Elektro- und Chemie-Industrie vorgenommen werden können.

Macht man aus den amerikanischen Prognosen eine Bilanz, so kommt man zu dem Schluß, daß die Amerikaner (und damit die Leute, die bei uns für die Hausse der letzten Jahre mitverantwortlich waren) ihre eigenen Aktienmärkte als so interessant empfinden, daß sie wenig Lust verspüren, neue Gelder bei uns zu investieren.

Die unmittelbare Reaktion auf die Präsidentenwahlen wurde auf den deutschen Aktienmärkten an zwei Stellen sichtbar. Zunächst erinnerte man sich daran, daß die Demokraten in der Vergangenheit viel nachdrücklicher für die Rückgabe der in den USA während des Krieges beschlagnahmten deutschen Vermögenswerte eingetreten sind als die Republikaner. Es gibt deshalb Börsenkreise, die darauf vertrauen, daß die Gruppe um den süddemokratischen Senator Olin D. Johnsten (nicht zu verwechseln mit dem neuen US-Vizepräsidenten Lyndon Johnson) das Rückgabeproblem nunmehr endgültig lösen wird. Das sind gewagte Spekulationen! Denn in der Regierungsverantwortung sieht sich manches anders an als auf den Bänken der Opposition. Außerdem darf man nicht vergessen, daß es ernst zu nehmende Gruppen in den USA gibt, die jede Rückgabeneigung so lange (mit Erfolg) bekämpfen werden, bis die deutsche Bundesregierung die ausländischen Aktionäre der Deutschen Golddiskont-Bank und die ausländischen Reichsbank-Anteilseigner befriedigend abgefunden hat. Immerhin: Die „Rückerstattungswerte“ (dazu gehören Schering, die IG-Farben-Liquis usw.) hatten nach der Wahl Kennedys einige freundliche Tage. Sehr stabil lagen daneben aber auch die Berliner Werte. Eine Folge der sehr eindeutigen Stellungnahme des künftigen Präsidenten zur Frage des Berlin-Status. Kurt Wendt