Fast ein Jahr, nachdem eine Aktionärs-Minderheit der Bayerischen Motoren Werke AG, München, in der Hauptversammlung eine Vertagung des damaligen Sanierungsvorschlages erzwungen hatte, der eine Anlehnung an die Daimler Benz AG vorsah mit einem Kapitalschnitt 2:1 sowie eine darauf folgende Kapitalerhöhung unter Ausschluß des gesetzlichen Bezugsrechtes, werden die Aktionäre der Gesellschaft am 30. November über einen neuen Sanierungsvorschlag zu entscheiden haben. Ein Vergleich mit dem seinerzeit abgelehnten Sanierungsvorschlag zeigt, daß den Aktionären nun eine bessere Offerte unterbreitet wird, wenngleich Dr. Semler keinen Zweifel daran ließ, daß die Gesellschaft in den nächsten zwei bis vier Jahren noch einigen Stürmen ausgesetzt sein werde. Er bezeichnete BMW als einen Krebs, der sich zwar recht munter (hoffentlich nicht rückwärts, wie es diese Tiere zuweilen zu tun pflegen) bewegt, aber noch keinen Panzer hat.

Der neue Sanierungsvorschlag sieht so aus:

Zusammenlegung des Kapitals 4 : 3 von 30 auf 22,5 Mill. DM und Wiedererhöhung um 22,5 Mill. DM auf 45 Mill. DM. Der Ausgabekurs soll 140 vH betragen. Hinzu kommen die Bezugsrechte für die 15 Mill. DM Wandelobligationen. deren Inhabern die jungen Aktien ebenfalls zu 140 vH angeboten werden, so daß sich das Aktienkapital auf 60 Mill. DM erhöht. Wenn alle Inhaber der Wandelobligationen von ihrem Recht Gebrauch machen, diese ab 2. 1. 61 in Aktien zu tauschen, ergibt sich ein künftiges Aktienkapital von 75 Mill. DM. Bei einem Kapitalerhöhungsbetrag von also zusammen 37,5 Mill. DM zu 140 vH werden der Gesellschaft 52,5 Mill. DM zufließen, die nach Abzug der Emissionskosten von etwa 2,5 Mill. DM den Investitionen und der Finanzierung der künftigen Entwicklungsaufgaben (Mittelklassewagen!) dienen sollen.

Aus dem Sanierungsgewinn von 7,5 Mill. DM und aus dem 1960 etwa erzielbaren gleich hohen Gewinn – vom 1. 1. bis 30. 9. 60 betrug er 6,73 Mill. DM – soll der per 31. 12. 59 mit 14,7 Mill. DM ausgewiesene Verlust gedeckt werden. Die Aufbringung der etwa 50 Mill. DM ist nach den Worten Dr. Semlers gesichert, zumal das Auffangkonsortium die neuen Aktien übernimmt, soweit die Bezugsberechtigten nicht von ihrem Bezugsrecht Gebrauch machen und sie für zwei Jahre zur Verfügung von BMW hält... für einen etwaigen neuen Partner, der der Auffanggruppe genehm sein soll. Der Vertreter der Quandt-Gruppe im Aufsichtsrat hatte die Bereitschaft der von ihm vertretenen Aktionäre betont, gegebenenfalls solche Aktien aufzunehmen. Die Deutsche Bank AG, die Hausbank von BMW, die sich nach den Worten des neuen BMW-Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Semler bei dem seinerzeitigen Sanierungsangebot "eindeutig festgelegt" hatte, hat sich nicht als Führerin für ein Emissionskonsortium zur Verfügung gestellt, so daß die neue Transaktion seit Jahren wohl die erste größere sein wird, die am westdeutschen Kapitalmarkt ohneein Bankenkonsortium durchgeführt wird, da es auch anderen Banken schwergefallen wäre, "an die Stelle der Deutschen Bank" zu treten.

Mit dem Automobil- und Triebwerkbau wird BMW nach den Worten Dr. Semlers künftig auf zwei Beinen stehen. Der um 16,7 Mill. DM und gegen ein zehnjähriges Darlehen von 20 Mill. DM zur Hälfte an die Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG (MAN) verkauften Tochtergesellschaft – BMW Triebwerkbau GmbH München-Allach – sichert ein Vorvertrag mit dem Bundesverteidigungsministerium über den Lizenzbau des Triebwerkes GE J 79 der General Electric für vier Jahre Beschäftigung. Die Beteiligung der AG an der Durchführung dürfte sich auch auf deren Umsatz- und Ertragsentwicklung günstig auswirken. Zudem fließen die Gewinne der Triebwerkbau GmbH, die in den ersten neun Monaten 1960 bereits 25,4 Mill. DM gegenüber 10,3 Mill. DM zur gleichen Vorjahreszeit umsetzte, zur Hälfte der AG zu.

Während der mit dem Sanierungsangebot vorgelegte Geschäftsbericht der AG für 1959 rund 15 Mill. DM Verlust ausweist, ist man 1960 mit einer Umsatzsteigerung auf voraussichtlich 230 (170) Mill. DM in die Gewinnzone gekommen. Für das nächste Jahr rechnet die Verwaltung mit 300 Mill. DM Umsatz und nach Produktionsbeginn des Mittelklassewagens mit vielleicht über 500 Mill. DM. Bei auch derzeit steigendem Auftragseingang will man den Winter ohne Kurzarbeit überstehen. Eventuell ist auch an eine Fusion zwischen der BMW Triebwerkbau GmbH und der MAN-Turbomotoren GmbH gedacht. Zudem gehen auch bei BMW Überlegungen in Richtung auf- eigene Entwicklungen im Triebwerkbau, doch will man der Tochtergesellschaft keine Konkurrenz machen; vielmehr will man dasProgramm an Zulieferungen für Allach ergänzen, um die Kapazität der AG entsprechend auszulasten.

Die vor knapp einem Jahr schwarz in schwarz geschilderte Lage des traditionsreichen bayerischen Unternehmens hat sich ohne Zweifel gebessert. Die Chancen, daß die Aktionäre am 30. November ihre Zustimmung zum Sanierungsvorschlag geben, sind zumindest so günstig zu beurteilen, wie der vorsichtige Optimismus von Dr. Semler: "Wenn wir erst einmal 300 bis 400 Mill. DM Umsatz jährlich erzielen, sind wir endgültig aus dem Schneider." t. r.