Der Schäfer Franz Gehrig‚ der die Schafe des alten Johanniterhofes auf den Wiesen an der Tauber zu hüten hatte, mag nicht wenig erstaunt gewesen sein. Seine Tiere stürzten sich plötzlich auf eine Quelle. Sie tranken gierig, denn der Sommer des Jahres 1826 hätte große Trockenheit im Gefolge; der Wasserspiegel der Tauber lag tief: So konnte die Quelle ausnahmsweise frei fließen. Ihr Wasser schmeckte zwar bitter, doch der Schäfer tat seine Pflicht. Er meldete den Fund. Die Heilwässer Mergentheims waren wieder entdeckt worden. Heute meldet das Bad eine jährliche Besucherzahl von 36 000 Menschen.

Bald genehmigte die württembergische Regierung die Gründung eines Bades. Es wurde in Gegenwart des Kronprinzen Karl von Württemberg am 23. Juni 1829 eröffnet, und die Quelle hatte ihren Namen: Karlsquelle. Sie und die anderen Quellen, auf die man nach und nach stieß, untersuchte in der Mitte des Jahrhunderts der berühmte Justus von Liebig. Nach seinem Urteil gehören sie zu den vorzüglichsten Heilquellen Europas. Das Wasser, dessen Strömungsgebiet tauberaufwärts liegt, belädt sich auf seiner Wanderung durch das Gebirge mit Mineralien.

Im Jahre 1906 begann der große Aufstieg des Bades. Eine Aktiengesellschaft wurde gegründet, die die Wilhelmsquelle und die Karlsquelle II neu fassen ließ; die Albertquelle, eine der stärksten Bittersalzquellen Europas, wurde erbohrt. In dieser "Dreierkombination der Quellen" mit den verschiedenen Möglichkeiten, sie zu verabreichen, liegt der Wert der Trinkkur, die in Mergentheim Mittelpunkt der Behandlung aller Leiden ist. Angewandt wird die Trinkkur vor allem bei chronischen Erkrankungen der Gallenwege, der Leber und der Bauchspeicheldrüsen, auch bei Magen- und Darmerkrankungen, bei Zuckerkrankheit und Gicht. Ergänzt wird die Behandlung mit Mineralbädern, Kohlensäurebädern und Fangopackungen sowie mit physikalischer Therapie. Besonderen Ruf hat sich der Ort als Gallenbad erworben, wo unbesorgt auch die sogenannten "schlafenden Gallensteine" – die, ohne Entzündungen hervorzurufen, in der Gallenblase liegen – behandelt werden können.

Mergentheim hat sich indessen auch als "Bad der sieben Diäten" einen Namen gemacht. Es bleibt hier nicht nur bei einer Schonkost, man pflegt auch eine "Aufbaukost" und eine "Funktionsdiät".

Das Kurviertel an der Tauber ist in den vergangenen Jahren sorgfältig ausgebaut worden. Die Trinkhalle ist heizbar, und die Parkanlagen mit dem neuen Garten machen die für die Trinkkur nötigen Spaziergänge zu einem Genuß. Der Kurbezirk schließt sich dicht an die historische Altstadt des hübschen Ortes. Anziehungspunkte sind das prachtvolle Schloß mit der barocken Kirche und das Rathaus. Am Marktplatz findet man auch das Eckhaus, in dem Eduard Möricke gelebt hat. Hier bleibt nur noch, das Land um Mergentheim zu rühmen mit seinen landschaftlichen und kulturhistorischen Denkmalen, unter denen die Kirche in Stuppach mit der Madonna von Grünewald das wohl bekannteste ist.

Richard Kühn