Fortsetzung von Seite I

Im "Jaragua", dem Grand-Hotel von São Paulo, ist die Beleuchtung des Restaurants so fein abgestimmt, daß auch die gewöhnlichsten Besucher ihre Stimme dämpfen, wenn sie dort eintreten. Diskretion lernt man nicht mehr im Elternhaus, sondern bei den Dekorateuren. Die sittliche Konzeption geht von den Dingen aus, und die Menschen spiegeln sich nur einen Augenblick darin wider.

Der Autoverkehr verschafft dem Teufel Eintritt in diese falschen Paradiesgärten. Es war ein seltsames Gefühl für mich, als ich mich in Rio eines Abends in Sichtweite meines Hotels befand, ohne es erreichen zu können. Es war nur hundert Meter von mir entfernt, aber die Flut von Autos, die in Richtung Copacabana rollten, trennte mich unerbittlich davon. Es gab keine rote Ampel, und es hätte niemanden beeindruckt, wenn ich mein Leben riskiert hätte. So stand ich eingepreßt auf meiner winzigen Insel, immer bedrängter, wie ein Schwimmer, der sich an einen Felsblock klammert in Angst vor der steigenden Flut. Luxusgeschöpfe glitten in beweglichen Vitrinen vorbei. Ich sah sie an während ihres raschen Vorüberziehens; jedes Mitgefühl ist ihnen fremd, die Augen sind auf die Abendrobe geheftet, die sie angelegt haben. Ihre Gatten-Chauffeure schauen mich von oben herab an, stolz darauf, eine heiße Wolke von Kautschukgestank um sich zu verbreiten ...

Manchmal, wenn ich es aufgegeben hatte, nach Hause zurückzukehren, überquerte ich die Straße in entgegengesetzter Richtung, zum Ozean hin. Er grenzt unmittelbar an die Straße, aber man hätte ihn vergessen können. Der Benzingeruch beherrschte die Salzluft. Der Damm verbarg die Wellen, man hörte nicht einmal die Brandung: es war nur ein gemaltes Meer, unwirklich. Immerhin gab es da einen kleinen Zugang, man konnte die drei Meter zum Strand hinuntersteigen. Und in wenigen Sekunden waren der Lärm und der Geruch der Stadt verschwunden. Da war nur noch das Meer, "immer neu geboren", bis nach Europa. Dennoch, ich mußte mich schließlich durch die Autoflut stürzen, zu meinem Abendessen. In der Dämmerstunde ließ der motorisierte Strom nach. Aber von meinem hochgelegenen Fenster aus sah ich immer noch Bulldozer in alle Richtungen ausschwärmen, wie riesige Insekten. Sie bereiteten für die Autos von morgen neue, schon längst postulierte Straßen.

Aus diesem überhetzten Rhythmus entglitt ich manchmal in langsamere Rhythmen. Der kleine Zug auf den Corcovado durch das Halbdunkel des Waldes hält auf der Strecke so lange, daß man Zeit zu einem Spaziergang hat und sich sogar im Dschungel verlieren kann. Die Bäume sind von Lianen zwanzigfach umschlungen. Sie sehen aus, als wären sie verschnürt für einen bevorstehenden Umzug. Die gefiederten Sopranistinnen singen wunderbare Soli zu einem Grillenbaß. Ich lief auf dem Moos, um ihnen besser lauschen zu können.

In Augenblicken der Stille glaubte ich beinahe, die Pflanzen wachsen zu hören ... Oder ich fuhr mit der Drahtseilbahn auf den Zuckerhut und beobachtete von dort aus eine Segelregatta. Von dieser Höhe aus gesehen, standen die Boote unbeweglich und winzig, querab in einer Geraden; ich fühlte mich hiervon ganz eigentümlich befriedet.

In diesen Momenten begann ich, das, was ich gesehen hatte, in Frage zu stellen. Das so gerühmte "Funktionelle" kam mir wie eine nachträgliche Rechtfertigung, wie das Alibi eines Ästhetizismus vor. Ist das neunhundert Meter hoch gelegene São Paulo (wo man im September Feuer anmacht) wirklich so sehr der Hitze ausgesetzt, daß man die Sicht ständig durch Sonnenblenden beschneiden muß? Unter dem Vorwand, seinen Auftraggebern kühle Wohnungen zu verschaffen, bringt der Architekt Dynamik in die Fassade. Da er seines Baumaterials nicht sicher ist, verbirgt er es unter der Tünche. Die Sauberkeit, die Buntheit tritt an Stelle der Schönheit. Die Tropennatur, die sich über alles ausbreitet, mildert zwar die Exzesse der Abstraktion. Und die Sonne bleibt nachsichtig gegenüber all diesem Treiben, das jedoch, so scheint mir, etwas Unechtes hat.