Die Klöckner-Werke AG, Duisburg, ist in der glücklichen Lage, eine alte Rechnung zu begleichen. Für das – vergleichsweise – lange Warten auf bessere Zeiten, sprich bessere Dividenden, werden die Aktionäre jetzt entschädigt. Der Wechsel auf die Zukunft, den das Klöckner-Papier über Jahre hindurch darstellte, ist nicht geplatzt, sondern er erfüllt mindestens seine Erwartungen. Der selbst kühne Hoffnungen übertreffende Dividendensprung bei Klöckner von 8 auf 12 vH für das Geschäftsjahr 1959/60 ist nicht nur das Ergebnis einer überdurchschnittlich guten Stahlkonjunktur; er ist vor allem ein Beweis dafür, daß dieser Montankonzern, der seinerzeit als schwer havariertes Schiff aus dem Hafen der Entflechtung auslaufen mußte, wieder flott geworden ist und den Wettlauf um das "blaue Band" am Stahlmarkt mit guten Erfolgsaussichten aufnehmen kann. Selbstverständlich müsse man – so erklärte Vorstandsmitglied Dr. Gerhard Schröder zum Geschäftsabschluß 1959/60 – der Konjunktur von Herzen dankbar sein für das vorliegende Ergebnis, aber es dürfe sich in die Freude auch ein wenig Selbstzufriedenheit darüber mischen, daß es die Investitionsentscheidungen der Verwaltung waren, die jetzt die Zukunft des Konzerns in einem so freundlichen – Licht erscheinen lassen.

In der Tat hat sich das Blatt in der Klöckner-Gruppe, um deren Lebensfähigkeit sich nach der Entflechtung seinerzeit selbst die Stahltreuhänder einige Sorgen gemacht hatten, in erster Linie durch das auf der "grünen Wiese" erstellte Hüttenwerk Bremen so entscheidend gewendet. Als sich die Verwaltung im Jahre 1954 entschloß, mit der Tradition der deutschen Stahlindustrie zu brechen und außerhalb des Reviers zu bauen, standen die dem Konzern verbliebenen Hüttenwerke Haspe, Georgsmarienhütte und Osnabrück "trocken", d. h. abseits der großen Wasserwege. Ihre frachtliche Vorbelastung, ihre bauliche Auslegung sowie die historisch gewachsene Struktur ihres Produktionsprogrammes gestatteten keine bedeutenden Kapazitätserweiterungen bei diesen Werken. Aber der Bau eines völlig neuen Hüttenwerkes an der Küste diente nicht nur einer normalen Kapazitätserweiterung: er schuf zugleich die Voraussetzungen für eine konsequente Modernisierung und Rationalisierung der Altwerke in Haspe, Georgsmarienhütte und Osnabrück. Jedes dieser Werke ist nunmehr in der Lage, sich lediglich auf die Produktion der Erzeugnisse zu konzentrieren, die ihm produktions- und absatzmäßig besonders liegen. In Bremen wird die Flachstahlerzeugung zusammengefaßt, die Georgsmarienwerke stellen in erster Linie Stabstahl und Qualitätsstähle her, in Haspe wird vor allem die Produktion von Stabstahl und Walzdraht gepflegt. Und diese Spezialisierung der einzelnen Konzernwerke – die noch weiter fortgesetzt wird – ist heute das unbestrittene Plus der Klöckner-Werke, deren Verwaltung jetzt mit Fug und Recht sagen kann: "Wir sind froh, daß wir es geschafft haben ..."

Diesen Stoßseufzer können nunmehr auch die Aktionäre des Unternehmens ausstoßen. Denn auch für sie war der – zunächst recht kostspielige – Schritt an die Küste mit ansehnlichen Opfern, d.h. mit mehr oder minder unfreiwilligem Dividendenverzicht, verbunden; aber ebenso ist das jetzt so erfolgreiche Wagnis für die Anteilseigner der Klöckner-Gruppe ein voller Erfolg geworden. Das zeigt einmal die vorgeschlagene Ausschüttung für das abgelaufene Geschäftsjahr, mit der die Klöckner-Aktie nicht nur den Anschluß an die übrigen Montanpapiere findet, sondern sogleich in die Spitzengruppe dieser Branche vorstößt. Darüber hinaus wird noch ein Bezugsrecht im Verhältnis 5:1 zum Kurse von 130 vH geboten. Und wenn der diesjährige ungespaltene Dividendensatz bewußt keinen Boom-Sonderbonus enthält, so darf daraus wohl die Zuversicht der Verwaltung geschlossen werden, daß auch im Hinblick auf das demnächst erhöhte Kapital von 300 Mill. DM die 12 vH im Klöckner-Bereich keine Eintagsfliege mehr zu sein brauchen.

Dabei gehören die hohen Investitionsaufwendungen in diesem Konzern noch keineswegs der Vergangenheit an. Bisher hat die Hütte Biemen rund 500 Mill. DM gekostet. 200 Mill. DM wird die jetzt in Angriff genommene zweite Ausbaustufe erfordern, und der Aufsichtsrat hat darüber hinaus weitere 185 Mill. DM bereits bewilligt. Bis 1964 wird in Bremen etwa 1 Mrd. DM verbaut sein. Dann steht dort eine Rohstahlkapazitä: von 1,8 Mill. t, bis Mitte nächsten Jahres werden die Anlagen für 1 Mill. t ausreichen. Damit bleibt Bremen zwar weiterhin die anspruchsvollste Tochter des Konzerns (für die Altwerke gilt, wie die Verwaltung betont, die Faustregel, daß sie lediglich ihre Normalabschreibungen re-investieren). Dafür bietet das jüngste Mitglied der Klöckner-Familie aber inzwischen auch beachtliche Gegenwerte: das Nesthäkchen hat sich zum (Mit-) Ernährer gemausert.

Im vergangenen Geschäftsjahr – das die Verwaltung als "bisher bestes in der Geschichte des Unternehmens" bezeichnet – ist die erste Ernte in Bremen eingebracht worden. Sie hat den Konzernzahlen zu unerwarteten Rekorden verholfen.

Der Umsatz der Klöckner-Gruppe übertraf mit 1,7 Mrd. DM um 22,3 vH den des Vorjahres. Selbst bei einem Vergleich mit dem besseren Jahr 1957/58 ergibt sich noch eine Steigerungsrate von 11,6 vH. Dies? Entwicklung spiegelt sich auch in der Produktionskurve wieder. Die Rohstahlerzeugung hat sich von 1,824 auf 2,343 Mill. t um 28,4 vH erhöht. (Auch hier macht die Zuwachsrate gegenüber dem bisherigen Bestjahr "nur" 17 vH aus!) Beim Roheisen (1,432 Mill. t) betrug die Zunahme 31 vH, und bei Wa1zstahl (1,828 Mill. t) 32 vH. Mit der Rohstahlleistung ist Klöckner bereits im abgelaufenen Geschäftsjahr über das mit der ersten Ausbaustufe Bremen projektierte Ziel von 2,2 bis 2,3 Mill. t hinausgegangen.

Die unterschiedlichen Zuwachsraten der einzelnen Walzstahlerzeugnisse zeigen deutlich die Strukturveränderungen des Konzerns, das in Bremen angestrebte und bereits gegebene Schwergewicht auf der Flachstahlseite. Während z. B. im Geschäftsjahr 1957/58 der Feinblechanteil am Walzprogramm der Gruppe nur 5 vH betrug, stieg er innerhalb von 2 Jahren auf 12,2 vH an und erreichte im Monatsdurchschnitt Juli bis September 1960 14,6 vH. Der Anteil der gesamten Flachstahlerzeugung wuchs im gleichen Zeitraum von 16,5 vH auf 28,3 vH und liegt jetzt nur noch Bruchteile unter 30 vH.