Von Max Rychner

Herbert Tauber, mancher Völker und Sitten kundig, schildert uns in seinem ersten Roman

Herbert Tauber: "Aber im siebenten Jahr ..."; Artemis Verlag, Zürich; 329 S., 14,80 DM

genau, langsam und liebevoll die Wirren einer süditalienischen Fischerfamilie, der eines Tages, um sie zu erhöhen oder zu verderben, Hermes, der Gott aller zweideutigen Gunst, ein Geschenk in die Hände spielt: auf dem Meeresgrund eine Vase voll antiker Münzen. Es kann auch Poseidon gewesen sein, der Gefährliche, denn nun ist die Familie, kleine Leute bisher, ausgezeichnet, also interessant geworden für die Schicksalsmächte, die sich gern repräsentativer Gestalten zu ihren Zwecken bedienen. Turi, der Fischer, immer schon ein ernster Mann, der die Lasten seines Daseins mit besorgter Miene spürt und ermißt, aber alles ihm in seiner bescheidener. Existenz mit den fast gleichen überblickbaren Tagen Aufgetragene willig leistet, Turi weiß, daß der Fund seines tauchenden Sohnes ein Glück bedeuten sollte – und was wünschte er sich und den Nächsten, wenn er in seiner skeptischen Vorsicht schon wünscht, so sehr wie Glück –, doch diese Münzen mit dem antiken Kaiserkopf lasten und verlangen Handlungen von ihm, die ihm fremd sind und widerstreben.

Nicht neue Freiheit bringt ihm die zweideutige Gabe der Fortuna, sondern Zwang über Zwang: Illusionen von einem besseren Leben in Südamerika, dumme Komödien mit dem Schmuggel des Schatzes, lächerliche Strafmaßnahmen des doch ethisch indifferenten Schicksals, ein ihm übertrieben erscheinendes Pochen der Kinder auf allerlei Rechte, die sie sich zuerkennen, störrisch verhärtete Familienpolitik der Frau, einer Matrone, die es mit ihren Sorgen ebenfalls genau nimmt und ihm nicht recht zutraut, daß er in seiner geringen Weltkunde dem Glücksfall gewachsen sei: Tauber entwickelt all diese Motive mit eindringlichem Anteil, vor allem aber auch – und das ist des Lesers Glücksfall – mit Humor. Es ist nicht der bei uns so beliebte überdeutliche Humor, zu laut in seinem Gebaren, zu täppisch in seinen Faxen; es ist ein englisch erzogener Humor, der sich nicht aufspielt, seine Mittel mit Zartgefühl anwendet und noch in der Groteske, in welche die Geschichte auf dem südamerikanischen Schauplatz manchmal übergeht, künstlerische Grenzen innehält.

Neben dem Vater Turi, der auch in sciiefer Situation nie etwas von dem Edlen in ihn: einbüßt, ist die Tochter eindrücklich gezeichnet, sich mit einer Leidenschaft ohne Fragen verlierend an einen schönen Fremdling, dann fast heroisch sich zurücknehmend in der Trennung – eine Hchlenszene, ähnlich der zwischen Aeneas und Dido, und das herzzerreißende Auseinandergehen der beiden für immer auf der Straße über dem Meer: das sind Momente in diesem Roman, wo Vision der Landschaft, Passion und Verhaltenheit auf unvergeßliche Weise zueinander ins Verhältnis gesetzt worden sind.

Ein junger Sohn, Bub noch, wurde dazu ausersehen, Schicksal zu spielen, willkürlich in seinen Kinderlaunen wie dieses; er, die Unschuld, muß die Münzen einschmuggeln, läßt sich dabei auf einem Rummelplatz von einer figurenschönen Schießbude so bezaubern (und von ihrem Besitzer derart übers Ohr hauen), daß er den Schatz hingibt und sie kauft. Sie ist in der Folge, von mancherlei Komik umleuchtet, das Familienunternehmen, die irdische Verkörperung des Glücks das aus dem mare nostrum wie eine Gabe des alten Roms zu Turi hinaufstieg, um ihm auf eine Weise zuzusetzen, die seine Jahrtausende lang genau auf sein Fischerleben hin eingeübten Kräfte verwirrt. Der fremde starke Erdteil nimmt auch diese Familie Stück für Stück auf, mit aller Energie, im Tod, in der Liebe. Der alte Zauber der Herkunft wird nicht gebrochen, er erlahmt, wird ohnmächtig vor den neuen, unermüdlich die Menschen in gefährliche, oft schmierenhaft theatermäßige Schicksale drängenden Mächten. So entgleiten die Gestalten auch den Autorhänden, von diesen wissend (auch um die Grenzen ihres Vermögens) geführt – durch eine Geschichte, die uns, auch abgesehen von dem sie auslösenden Einfall mit dem Fund, der vielleicht etwas überfordert wurde, durch eine vom Autor nie um der Effekte willen außer Kraft gesetzte Menschlichkeit teilnehmend und heiter zu stimmen, ja manchmal zu bezaubern vermag.

Namentlich im ersten Teil wird die Erzählfabel gleichmäßig dicht im Stoff entfaltet, von jenem dichterisch sensibilisierten Realismus, der zeitlos ist und von den kleinen Tricks der Rückblenden und inneren Monologisten in Schrägcruck nicht einmal berührt, geschweige denn gefährdet wird. Das oft ins Groteske überschlagende Geschehen des zweiten Teils hätte auch andere Gangarten und Figuren der gemessen, aber beständig überwacht schreitenden Prosa ertragen, doch so wie es ist, hat der eher untertreibende Autor alles vermieden, was nach Angeben aussehen könnte, nach einem Zuviel an Technik und Bravourstücken im Hinblick auf den Stoff und das, was er erträgt, im Hinblick auch auf Turi, den Helden antiker, heutiger, künftiger Prägung, der feinfühlig, zugleich von hartem, illusionsfremdem Wirklichkeitssinn ist, was auch dem Erzähler Grenzen steckt. Dieser Erzähler, der seinen Erstling gab, ist diskret, er bildete ohne zu reden, leise kam er herein in die etwas trüb beleuchtete Halle unserer Romanliteratur, und nun ist er zu unserer Freude da.