Frankreich hat aufregende Tage hinter sich, doch die schwierigsten Ereignisse stehen erst bevor. Zwar ist es, wie voraussehbar, am Gedenktag des Waffenstillstandes von 1918, dem 11. November, zu Unruhen gekommen, jedoch zu keinem Putsch. Es flogen in Algier nach beinahe schon klassischer Reihenfolge Tomaten, Kiesel- und Pflastersteine, dann Stöcke und Eisenstücke, aber keine Geschosse und Granaten. Es gab Verletzte – hundert in Algier –, aber keine Tote, wie beim Januar-Putsch, dessen Anführer und Drahtzieher jetzt in Paris vor den Militärrichtern stehen.

Die Revolte also fand nicht statt – weder in Paris (400 Verhaftete), wo de Gaulle am Grabmal des Unbekannten Soldaten einen Kranz niederlegte: eine Zeremonie, zu der Frankreichs Marschall Juin nicht erschienen war – noch in Algier, wo der Oberkommandierende General Crepin einem zweijährigen Jungen das Zeichen der Ehrenlegion anheftete, dessen Vater, ein deutscher Offizier der Fremdenlegion, gefallen war, noch in Oran, wo es ebensowenig wie bei den Gedenkfeiern in anderen Städten an Rufen wie "de Gaulle an den Galgen", "Die Armee an die Macht", "Die Paras nach Paris" fehlte.

Kurzes Aufatmen. Doch wiederum sind aller Augen auf de Gaulle gerichtet. Ja, ist es denn wahr? Soll man es denn glauben? De Gaulle hat in seiner Radio-Rede vom 4. November keineswegs nur Weisheiten von heraklitischer Dunkelheit und Vieldeutbarkeit von sich gegeben. Inzwischen hat jeder es begriffen, das klare, deutliche, das eine entscheidende Wort: "Republik Algerien!"

Seinen Ministern ist dieses Wort sofort aufgefallen. Man hört, daß einer gebeten habe, es solle ein "Vielleicht" eingefügt werden in den offiziellen Text: "Der Tag wird kommen, an dem vielleicht eine ‚Republik Algerien‘ entsteht." Oder: "Vielleicht wird der Tag kommen ..." De Gaulle habe abgewinkt: "Kein ‚Vielleicht‘!" Er habe in gezielter, prächtiger Formulierung erklärt: "Ich gehe auf die Kommandobrücke. Wenn unter Ihnen, meine Herren, einer ist, der fürchtet, seekrank zu werden, so mag er das Rettungsboot besteigen!" Und in der Tat läßt er in diesen gegenwärtigen Tagen jeden seiner Minister und Würdenträger einzeln vor seinem Angesicht erscheinen, um ihnen die Frage zu stellen: "Sind Sie mit meiner Politik einer ‚Republik Algerien‘ einverstanden oder nicht? Entscheiden Sie sich!"

Einer nach dem anderen – so kamen und kommen sie zum Zwiegespräch, in dem nicht mehr che Politik, sondern die Gesinnung geprüft wird. "Sie kommen wie zur Beichte", spotteten die Parlamentarier im Palais Bourbon. Diese Confession begann mit dem großen Intellektuellen der Armee, mit General Ely, und endet beim Intellektuellen der Kultur, bei Malraux, dessen anmutige Tochter das antigaullistische "Manifest der 121" unterzeichnet hat und der selber einst von de Gaulle gesagt hat, er habe den Rubikon überschritten, um sich am Ufer niederzulassen – mit dem Angelgerät. Kein Zweifel mehr: De Gaulle hat soeben die Angel beiseite gelegt. Er ist in Front gegangen.

Und da stehen nun die Beobachter des politischen Lebens, und wie die "Kreml-Astrologen" zur Burg über der Moskwa, so blicken sie zum Elysée-Palast. "Was wird de Gaulle tun – nun, da der Cunctator sich anschickt, Akteur zu werden?"

De Gaulle hat viele Gegner, offene und heimliche, lärmende und stille. Er wird sie bekämpfen, einen nach dem anderen; er hat nach dem Prozeß gegen den "Links-Intellektuellen" und Sartre-Freund Jeanson, der sich auf die Seite der algerischen Rebellen gestellt und französische Soldaten zur Desertion aufgerufen hatte, ja sogleich den Prozeß gegen die Rechts-Rebellen, gegen Lagaillarde und seine Barrikaden-Mitkämpfer, ansetzen lassen. Wie aber – so schließen die "Elysee-ologen" – wird er den härtesten Kampf bestehen: den Kampf um die Zeit?