Vorläufig sehen sie, daß die Partie wie beim Mühlespiel steht: Zwickmühlen überall. Ein direkter Appell de Gaulles an Ferhat Abbas, den Führer der algerischen Aufständischen? Unmöglich. De Gaulle hat zu oft gesagt, solange die Rebellen der FLN nicht „das Messer niederlegten“, sei an keine Verhandlung zu denken. Kann Ferhat Abbas das „Messer“ ohne Garantien niederlegen? Unmöglich. Er stünde ohne Druckmittel da. Andererseits ist er auch selber in der „Zwickmühle“: Er besitzt das Angebot sowjetischer Hilfe. Aber selbst wenn er keine Furcht vor, den Chinesen und Russen hätte – seine Nachbarn, die ihm hilfreichen Tunesier und Marokkaner, fürchten sie. Zwickmühle!

Und ferner: Was können die Rechtsradikalen, die Faschisten, tun? Sie haben erleben müssen, daß de Gaulle, den sie an jenem berühmten 13. Mai 1958 an die Macht gebracht hatten, nicht ihre, sondern seine eigene Politik verfolgte, eine Politik, die das französische Volk billigte, wenn auch mit der Einschränkung, er brauche zuviel Zeit, das „Algerische Problem“ zu lösen. Diese Aktivisten wissen, daß die Mehrheit des Volkes nichts mehr gegen ein algerisches Algerien, ja nicht einmal etwas gegen die Republik Algerien einzuwenden hat, da sich mittlerweile deutlich genug gezeigt hat, daß eine Algérie française nicht zu halten ist. Allesamt aber ahnen die Politiker Frankreichs eines: Das politische Leben ihres Landes gleicht einem Hause, in das Gas eingedrungen ist. Wer wagt, das Streichholz zu entzünden?

Die Ultras, die sich soeben, am 11. November, hüteten, das Streichholz anzuzünden, behaupten, die Zeichen der Zeit stünden für sie. „Brave Jacomet!“, so loben sie den Generalsekretär der algerischen Zivilverwaltung, den drittmächtigsten Mann nach Delouvier und Crépin, in diesem Lande, der unlängst sein Amt hinwarf mit den Worten: „Ich stehe im Dienst der französischen Republik, nicht der algerischen, und nicht im Dienste eines einzelnen Mannes.“ Sie rechnen darauf – erste Drehung der Revolutionsmaschine –, daß viele hohe Beamte seinem Beispiel folgen. Notgedrungen werden dann – zweite Drehung – die Militärs deren Geschäfte übernehmen. Die dritte Drehung, welche die Maschine in stetigen Lauf versetzen soll, erhält – so sagen sie – in Paris ihren Schwung. Dort „zerfetzt“ nämlich nach ihrer Absicht der „Barrikaden-Prozeß“ die moralische Position des Generals de Gaulle, dessen Weg vom „Retter“ zum „Vernichter des Vaterlandes“ durch jene Etappen gekennzeichnet sei, daß er zuerst vom „Französischen Algerien“, dann von der „am meisten französischen Lösung des Algerien-Problems“ sprach, schließlich aber bei der „Republik Algerien“, also dem Verzicht auf den algerischen Teil Frankreichs, endete, und nicht genug damit: obendrein noch beim Anspruch auf die Diktatur.

Die Armee – die „Große Unbekannte“! Die Rechtsradikalen in Algerien sehen sie als ihre Helferin an. Aber gerade Offiziere waren es, die darauf hinwiesen, daß es Colons gibt – die kleinen, nicht die großen –, die keineswegs nationalistisch denken und deren Rezept nicht etwa „Algérie française“, sondern Teilung des Landes heißt. Sie scheinen ermutigt durch das Beispiel von Korea und Vietnam. Andere Kreise aber, hauptsächlich jüngere Leute aus der städtischen Geschäftswelt und der Intelligenz, sind kürzlich durch die Demonstrationen der Pariser Studenten gegen die Faschisten ermutigt worden, und haben – in Algier! – ebenfalls für eine schnelle Lösung des Algerienproblems Seite an Seite mit Algeriern demonstriert – eine Aktion, die noch vor Monaten undenkbar gewesen wäre. Die Soldaten standen dabei und sahen zu. De Gaulle hat dies, wie man hört, sehr aufmerksam zur Kenntnis genommen, so aufmerksam, wie den Bericht einer Parlamentarier-Gruppe, die soeben von einem Besuch bei der Armee in Algerien zurückkehrte.

In diesem Text lautet es in der Formulierung des sozialistischen Abgeordneten D. Widenlocher: „Während die militärische Situation niemals besser war, weil die organisierten Einheiten der Gegner reduziert sind auf wenige ungeordnete Banden, so daß die Sicherheit in Algerien größer ist als je, wird die politische Situation mehr und mehr getrübt, und dies durch Unklarheit.“ Es folgt die Feststellung, daß die Armee „in zivilen Sachen“ augenblicklich Gutes leiste und daß die Zustände in den Camps d’internement besser geworden seien. Nach dem gleichen Bericht sind die jüngeren Offiziere unruhig, jedoch nicht revolutionär, und die höheren Chargen stünden treu und loyal zum Staatschef.

Vor die Gefahr gestellt, daß bei politischen Kämpfen Seite an Seite mit den Ultras die Einheit der Armee zerstört und daß sie vom französischen Volke getrennt werden könnte, zieht die Generalität den Gehorsam vor, solange sie an die Legalität des Staatschefs glauben kann. Er nun begründet seine neue Politik mit dem Satz: „Es handelt sich nicht um Algerien allein; es handelt sich um das Schicksal Frankreichs!“ Gelassen erklärt er: „Frankreich weiß, daß ich seit 20 Jahren die Legalität verkörpere.“ Und selbstbewußt läßt er zugleich durchblicken, daß er noch immer der einzige sei, der das Algerienproblem zu lösen und die Armee zu führen verstehe.

An die Armee, die Klarheit verlangt habe – so sagen die „Elysée-ologen“ – vor allem Klarheit, seien die Worte de Gaulles vom 4. November in erster Linie gerichtet gewesen (in der Tat hat er über alle anderen Institutionen, wie über Gewerkschaften und über die Parteien aller Richtungen, wegwerfende Bemerkungen gemacht). Nicht aber hätten seine Worte dem FLN, den algerischen Aufständischen, gegolten. Der General wisse jedoch, daß ohne eine Beteiligung des FLN eine Republik Algerien nicht möglich ist. In der Tat habe auch – so fügen die „Elysee-ologen“ hinzu – Ferhat Abbas nie darauf bestanden, daß er allein über ein freies Algerien herrschen wolle, wenn er auch zuversichtlich darin sei, daß die FLN-Algerier schnell die mächtigste Gruppe sein würden.