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Des Generals Devise: „Nach mir die Sintflut“ setzt sich durch

Paris‚ im November

Das französische Volk ne bouge pas. Es rührt sich nicht von der Stelle. Es wartet ab und tut, als ginge es der Gewissenskampf um Algerien nichts an. Es gibt keine antigaullistische Massenbewegung und eigentlich nicht einmal eine antigaullistische Stimmung beim Mann auf der Straße. Der Mann auf der Straße nimmt nicht teil. Die Krise de Gaulles und der Fünften Republik findet ohne ihn statt. Er läßt seine politischen Führer, beziehungsweise Verführer, im dunklen tappen. Ob er überhaupt bereit wäre, für irgendeine Sache oder für irgend jemand auf die Straße zu ziehen?

Fragt man M. Dupont, was er von der angeblichen Bürgerkriegsstimmung hält, so antwortet er: „Wie bitte? Wovon sprechen Sie?“ Fast ist sie unheimlich, diese Gleichgültigkeit, diese Wurschtigkeit. Gerade deswegen, weil man sich in einem Lande weiß, in dem es immer eine politische Volksmeinung gegeben hat.

Dabei könnte heute von der klaren Entscheidung des Volkes alles abhängen. Hätte nämlich das Volk den Glauben an ein französisches Algerien wirklich verloren, und hätte es statt dessen die Überzeugung gewonnen, daß Algerien nicht mehr zu halten ist, so gäbe es keine Krise de Gaulle. Keine Opposition wäre dann stark genug, sich irgendwelche Chancen auszurechnen.

Seit Beginn der Algerien-de-Gaulle-Krise gab es in Paris vier größere Straßendemonstrationen, bei denen die Polizei eingriff und Menschen verletzt und verhaftet wurden. Zweimal demonstrierte die 500 Mann starke „Kern-Truppe“ der faschistischen Jeune nation. Einmal mußte der Zusammenprall von 5000 „Linksstudenten“ mit 500 „Rechts-Studenten“ verhindert werden. Und das leztemal bei den geheimnisvoll und mit viel Augenzwinkern vorbereiteten „Massen-Demonstrationen“ am 11. November, dem Waffenstillstandstag, waren es auch kaum mehr als 3000 oder 4000 Rechtsoppositionelle auf den Champs Elysée, mit denen die Polizei, die auf viel größere Dinge gefaßt war, leicht fertig wurde. Die Touristen waren dabei viel interessierter als die am Ort der Tat zufällig vorbeikommenden Duponts.

Der positive Immobilismus oder die „konstruktive Opposition“ der Massen ist vielleicht das, was für die derzeitige innenpolitische Situation am bezeichnendsten ist. Für General de Gaulle im Elysee-Palast muß das außerordentlich beruhigend sein.

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Die alten Krankheiten

Die Erfahrungen, die man bei den jüngsten Links- und Rechtsdemonstrationen für den Frieden in Algerien einerseits und für ein französisches Algerien andererseits gewann, gelten auch für das Parlament. „Im Parlament“, so schrieb einer der besten innenpolitischen Chronisten Frankreichs, Jaques Fauvet, in der Monde, „zeigt sich wieder die alte Krankheit der Vierten Republik. Die Krankheit der doppelten innerlich gespaltenen und sich befeindenden Opposition. Linke und Rechte bedrohen gemeinsam die herrschende Macht, aber ohne auch nur die leiseste Hoffnung zu haben, selbst das Zepter in die Hand nehmen zu können“.

Die Vierte Republik ist an dieser Krankheit gestorben. In der fünften ist sie vielleicht nur eine vorübergehende Schwäche oder Krise. Es gibt nämlich einen entscheidenden Unterschied gegenüber der vierten: Damals fand man immer wieder eine, wenn auch noch so künstliche Regierungskonstellation, die man ausprobieren und die auch vom Volk gebilligt werden konnte. Und heute? Mit Ausnahme der Extremisten will das Parlament de Gaulle gar nicht stürzen. Viele Abgeordnete, die gegen die Regierung und damit gegen den General stimmen, tun es nur aus gekränkter Eitelkeit. Ohne de Gaulle wüßte man nicht, was man täte. Es war de Gaulle selbst, der den Nimbus um sich verbreiten konnte: Nach mit dir Sintflut. Dieser Nimbus ist im Augenblich seine stärkste Waffe.

In den letzten Wochen machten die Gegner der Regierungspolitik in Paris und Algier so viel von sich reden, daß man sozusagen jeden Tag auf einen Gewaltakt vorbereitet war. Jetzt hat man das Gefühl, daß dieser Zustand vorbei ist. Es hat sich inzwischen herausgestellt, daß jene eben. nur die Beseitigung de Gaulles im Auge haben, und das ist dem Volk ein wenig verlockendes Ziel. De Gaulle gegen eine Junta unbekannter junger Leute, de Gaulle gegen den Besitzer einer mittleren Lederfabrik wie Antoin Pinay einzutauschen, das ist kein Angebot.

Außer dem Postulat „de Gaulle muß weg“ haben die Rechtsaktivisten nur noch jenes andere „Algérie française“. Verständlich, wenn Algier von diesem Postulat begeistert ist. Begreiflich, daß ein Teil der Armee diese Devise für richtig hält. Aber wenig glaubhaft, wenn ein Poujade oder auch ein Bidault für Algérie française sterben wollen. Eine Front ist schwach, bei der die einen aus echter, vaterländischer Überzeugung, andere aus Existenzangst und wieder andere aus purer Zerstörungslust handeln. Sie muß schwach sein, doch ist sie deswegen nicht ungefährlich.

Sie reden, doch sie handeln nicht

Für viele „Verschwörer“ in Paris – natürlich nicht in Algier – ist es offenbar bereits eine große Tat, sich öffentlich gegen de Gaulle zu bekennen. Wenn Marschall Juin jetzt mit de Gaulle gebrochen hat, so ist das für den höchsten Würdenträger der französischen Armee eine unerhörte Sache: „Es war mir menschlich unmöglich, zusammen mit General de Gaulle am Waffenstillstandstag unter dem Triumphbogen einen Kranz niederzulegen.“ Warum? Weil „Frankreich, Europa und die ganze Welt in Gefahr gerät, wenn Algerien aus dem Kader der Französischen Republik herausbricht.“

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Das glaubt man in Frankreich nicht. Auch sprüht kein Funken, wenn General Salan verkündet: „Jeder muß jetzt seine eigene Verantwortung übernehmen. Die Leute an den verantwortlichen Stellen müssen unumwunden sagen, ob sie für Algerie française oder für das algerische Algerien General de Gaulles sind.“ Sicher ist, daß die Armee gespalten ist und sich nicht mit Juin oder Salan identifiziert. Die Generale und Obersten, von denen man nichts hört, sind wahrscheinlich für de Gaulle. Und das ist wohl die Mehrheit.

„Die Verantwortlichen“, von denen Juin und Salan das Gewissensbekenntnis fordern, auch sie rücken nicht von der Stelle. Von den Ministern – die de Gaulle einzeln gefragt hat, ob sie durchhalten wollen oder nicht, ging keiner. Entweder fehlt ihnen der Mut, sich gegen de Gaulle aufzulehnen, oder die Überzeugung, daß etwas besseres nach „ihm“ kommen könnte.

Es ist paradox, aber offenbar sind Ungewißheit, Unsicherheit und Unentschlossenheit seiner großen und kleinen Untertanen de Gaulles zuverlässigste Helfershelfer. Sigfrid Dinser